Kulturförderung
Verlage sind im Olymp der Kulturtäter

Seit Anfang Jahr ist die neue Kulturbotschaft des Bundes in Kraft. Erstmals erhalten Verlageeinen Beitrag. Wer bekommt wie viel — und was bringt das?

Anne-Sophie Scholl
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«Ein Meilenstein» sagt Dani Landolf. Der Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes sbvv hat allen Grund zum Jubeln. Seit Anfang Jahr hat die Schweiz eine Verlagsförderung. Erstmals werden Verlage vom Bund mit mehrjährigen Beiträgen subventioniert. Bisher erhielten sie allenfalls an einzelne Werke gebundene Übersetzungsbeiträge oder Druckkostenzuschüsse. Die Unterstützung der Verlage für ihre Rolle in der Produktion und Verbreitung von Literatur ist die wichtigste Neuerung der Förderperiode 2016–20, über die das Bundesamt für Kultur BAK an der gestrigen Medienkonferenz informierte (siehe Kasten). Diese ist seit Anfang Jahr in Kraft, ab Februar können Verlage Gesuche einreichen, Beiträge in Form von mehrjährigen Leistungsverträgen sollen im Frühherbst gesprochen werden.

1,85 Millionen Franken pro Jahr stehen zur Verfügung, um die Schweizer Verlagslandschaft zu stärken. Wer bekommt das Geld? Gefördert werden Verlage, die eine kulturelle Leistung erbringen. Der Kulturbegriff ist breit definiert und umfasst neben Belletristik auch Sachbücher, Kinder- und Jugendbücher oder Comics. Der Bund verlangt ausserdem professionelle Standards wie ein Lektorat, eine Vertriebsstruktur oder faire Vertragsbedingungen für Autoren. Explizit von der Förderung ausgeschlossen ist etwa die wachsende Zahl Eigenverlage oder Selbstzahlerverlage, bei denen die Autoren die Kosten für Produktion und Vertrieb selbst berappen.

Nicht nur für Diogenes

Der grösste Teil der 1,85 Millionen Franken wird für eine verkaufsabhängige, strukturelle Förderung genutzt. Die Höhe der einzelnen Subventionen berechnet sich aus dem Umsatz der Buchverkäufe, mehr als 80 000 Franken pro Jahr gibt es aber nicht. So soll verhindert werden, dass ein einzelner Verlag den ganzen Fördertopf leert. Man dürfte dabei vor allem an Diogenes gedacht haben. Der mit Abstand grösste Schweizer Verlag und auch einer der grössten Literaturverlage im deutschsprachigen Raum hat mit zuverlässiger Regelmässigkeit Bestseller im Programm und erwirtschaftet einen Umsatz von über 40 Millionen. Modellrechnungen zufolge dürften 50 bis 60 Verlage die Kriterien der kulturellen Bedeutung, Professionalität und Umsatzgrösse erfüllen. Stimmt diese Zahl, erhalten die Verlage im Durchschnitt rund 30 000 Franken pro Jahr aus dem Fördertopf.

Neben der verkaufsabhängigen Förderung werden Kleinverlage, mit Umsätzen in der Grössenordnung von weniger als 250 000 Franken, gesondert gefördert. Dieser Topf ist bedeutend kleiner und umfasst etwa 150 000 bis 200 000 Franken der Gesamtsumme. Eine Jury, die kulturelle Ausstrahlung und Ruf beurteilt, kann Beiträge zwischen jährlich 5000 bis 7500 Franken sprechen.

Lösung für die Branche?

Sind diese neuen Gelder nun die Lösung für die Probleme, mit denen die Branche in den letzten Jahren zu kämpfen hatte? Kaum. Beiträge dieser Grössenordnung können allein die Verluste durch den Einbruch des Eurowechselkurses nicht wettmachen. Verlage wie Diogenes oder Kein und Aber, die den Löwenanteil ihres Umsatzes im gesamten deutschsprachigen Markt erwirtschaften, dürften im letzten Jahr währungsbedingte Einbussen von 15 bis 20 Prozent erlitten haben. Die Zustüpfe vom BAK hingegen sollen sich im Bereich von 3 bis 3,5 Prozent des Umsatzes bewegen. Sie sind im Vergleich kaum mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein.

Verluste durch den Wegfall der Buchpreisbindung hingegen bekommen die auf den ausländischen Markt ausgerichteten Verlage weniger zu spüren, da Deutschland, Österreich und Frankreich nach wie vor eine Preisbindung haben. Sie fällt vor allem bei Verlagen, die für den Schweizer Markt produzieren, ins Gewicht, beim Berner Cosmos Verlag beispielsweise oder beim Zürcher Limmat Verlag. Technische Neuerungen wie das E-Book, Online-Verkaufsportale und Werbekanäle im Internet und die dadurch erforderlichen Anpassungen und Weiterentwicklungen, sowie Preisdruck durch Marktriesen wie Amazon belasten bei allen Verlagen die Kasse.

«Noch vor den Einbrüchen des Wechselkurses hat eine Arbeitsgruppe des Bundes einen Bedarf von 4–6 Millionen errechnet», sagt Lucien Leitess vom Zürcher Unionsverlag. Das jetzige Budget könne bei den Dimensionen des Schweizer Buchmarkts von rund 600 Millionen noch nicht den Durchbruch bringen. Aber: «Die kulturell orientierten Verlage brauchen jede denkbare Unterstützung, um ihre Funktionen weiter zu erfüllen», so Leitess.

Paradigmenwechsel vollzogen

Die Subventionen sind an eine kulturelle Leistung geknüpft — die Buchpreisbindung hingegen bedeutete weniger administrativen Aufwand, stützte aber quer durchs Band eine Wirtschaftsbranche — vom Kochbuchverlag bis zum Verleger von Ratgebern oder Fitnessbüchern. Das ist ein Paradigmenwechsel. Damit werden die Verlage von Bundesrat Berset in den Pantheon der Kulturtäter gehoben.

Der Weg dahin war steinig. Erste Anläufe gehen auf Initiativen aus der Branche in den 1990er-Jahren zurück. Nach dem Fall der Buchpreisbindung gewann die Forderung nach institutioneller Förderung der Verlage Auftrieb. Ein erster Anlauf, in Anlehnung an das Fördermodell der Filmbranche wurde 2012 abgelehnt.

Was bleibt zu tun? Verleger Lucien Leitess sieht die Festlegung eines «angemessenen Gesamtbudgets» als künftige Aufgabe. Und: Für ihn gehört auch die Förderung des Buchhandels in Zukunft mit aufs Tapet. Gespannt sein dürften aber zunächst einmal alle auf die Umsetzung des Konzepts. Dieses wurde mit Einbindung der Branchenvertreter erarbeitet und erlaubt einen gewissen Spielraum.

Für Dani Landolf vom sbvv ist dabei wichtig, dass das Prinzip der Verhältnismässigkeit gewahrt wird. «Ein Verlag soll nicht mit Fördergeldern zugeschüttet, sondern im Verhältnis zu seiner Grösse unterstützt werden.» Das soll auch für die kleineren Sprachregionen gelten. Denn wie bei allen Fördergeldern des Bundes werden die Sprachregionen gewichtet. Ein Verlag aus dem Tessin hat deutlich mehr Chancen auf Bundesgelder als ein Verlag gleicher Grösse aus der Deutschschweiz.

Herkunft von Raubkunst intensiver erforschen

Das BAK präsentierte gestern noch weitere Neuerungen in der Förderperiode 2016–2020. Dazu gehören Beiträge des Bundes an Museen und Sammlungen zur Bewahrung des kulturellen Erbes. In den nächsten Jahren wird das BAK diese Beiträge für die Provenienzforschung sprechen: Es unterstützt Museen und Sammlungen bei Nachforschungen über die Herkunft von Raubkunst und bei der Publikation der Resultate. Der Bund leiste damit einen weiteren wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Herkunft von Kunstwerken, sagte BAK-Direktorin Isabelle Chassot. Seine eigenen Bestände habe der Bund bereits untersucht. Das BAK erwarte von den Museen und Sammlungen, dass sie der Provenienzforschung Priorität einräumten. Insgesamt sind dafür von 2016 bis 2020 zwei Mio. Franken vorgesehen.
Zu den weiteren Neuerungen in der Kulturförderung gehört das Programm «Filmstandortförderung». Damit sollen Dreharbeiten von Schweizer Filmen und Koproduktionen im Inland gefördert werden. Reine Dreharbeiten in der Schweiz ohne Einbezug eines Schweizer Produzenten werden nicht unterstützt. Bereits seit dem 1. Januar läuft das Förderkonzept zum Programm «Jugend+Musik». Das Programm unterstützt nach dem Modell von «Jugend+Sport» Musiklager und Musikkurse für Kinder und Jugendliche sowie die Aus- und Weiterbildung von Leiterinnen und Leitern.
Insgesamt hatte das Parlament für die Kulturförderung in den Jahren 2016 bis 2020 im Rahmen der Kulturbotschaft insgesamt rund 1,125 Milliarden Franken gesprochen. Das BAK plant nun aber mit 30 Millionen weniger. Die Gründe sind laut Isabelle Chassot Kürzungen im Budget 2016 sowie das geplante Stabilisierungsprogramm. (sda)

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