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Performancepreis Schweiz: Die jüngste Anwärterin gewinnt

Beim 9. Performancepreis Schweiz brachten die sieben Nominierten komplexe Fragen zur Zeit aufs Parkett.
Deborah Keller
Das Basler Manifesto Reflex Collective gewann den Publikumspreis mit seinem witzig inszenierten «Erstes Manifest grosser und angesehener Künstlerinnen». (Bild: Emmanuelle Bayart/ Performancepreis Schweiz 2019)

Das Basler Manifesto Reflex Collective gewann den Publikumspreis mit seinem witzig inszenierten «Erstes Manifest grosser und angesehener Künstlerinnen». (Bild: Emmanuelle Bayart/ Performancepreis Schweiz 2019)

Sie will uns foltern! Dieser Gedanke schiesst mir kurz durch den Kopf, während der schrille Ton, den die Genferin Julie Semoroz (*1984) von ihrem Handy aus den Lautsprechern im Raum zuspielt, immer aggressiver wird, sodass sich ein Teil des Publikums bereits die Ohren zuhält.

Kurz zuvor noch standen wir bei schönster Herbstsonne auf dem Terrassendach des Aargauer Kunsthauses und wippten fröhlich mit, als das bunte Manifesto Reflex Collective aus Basel sein 1998 verfasstes «Erstes Manifest grosser und angesehener Künstlerinnen» singend, tanzend und sprechend auf seine heutige Gültigkeit überprüfte und mit Fakten der aktuellen Gender-Debatte erweiterte.

Später begrüsst uns der in Basel ansässige St. Galler Steven Schoch (*1987) sehr persönlich mit Händedruck zum Auftakt seiner interaktiven Performance, an deren Ende er uns ins Ohr flüstert: «I think I fell in love with you».

Initiative von sieben Kantonen

Es war also ein Wechselbad der Gefühle, das man am vergangenen Samstag im Aargauer Kunsthaus bei der Austragung des neunten Performancepreis Schweiz erlebte. 2011 ins Leben gerufen, soll er die Vielfalt und die Qualität der hiesigen Performancekunst aufzeigen und ihre Anerkennung stärken, so das Leitbild der partnerschaftlichen Förderinitiative, hinter der die Kantone Aargau, beide Basel, Luzern, St. Gallen, Zürich und die Stadt Genf stehen. Jährlich wird er national ausgeschrieben und an wechselnden Standorten der Partner veranstaltet. 100 Bewerbungen lagen der Jury 2019 vor, daraus wurden sieben Positionen ausgewählt, ihr neues Projekt am Samstag öffentlich zu präsentieren.

Der Tag beginnt um halb Zwölf mit den Eröffnungsreden – aufgelockert durch ein freundlich lächelndes, grünweisses Maskottchen, das an der Glasfassade des Foyers vorbeihuscht. Eine Guerilla-Aktion? Oder spielt heute auch ein lokaler Sportverein ein wichtiges Turnier?

Westschweizer Fangemeinde

Es bleibt wenig Zeit, darüber nachzudenken, denn sogleich taucht man ein in die Abfolge der sieben Performances. Nicht alle Anwesenden machen den gesamten Reigen mit, es ist ein Kommen und Gehen von rund 250 Personen. Es seien andere Leute als die ihr bekannten Besucherinnen und Besucher, bemerkt Direktorin Madeleine Schuppli in einer Pause. Dies mag daran liegen, dass die mit vier Künstlerinnen erneut stark vertretene Westschweizer Szene Fans mitgebracht hat, die sonst selten den in der Kunst stark ausgeprägten Röstigraben überquert. Performance ist in und am Puls der Zeit

Andererseits lockt die Performance-Szene von Natur aus vermehrt auch Publikum von Theater oder Tanz an. Die Interdisziplinarität könnte eine Erklärung sein, warum die Performance heute erneut so beliebt ist. Andere Gründe sind der Hunger der digitalisierten Welt nach «leibhaftigen» Erlebnissen oder das Diktat des Kunstmarktes, dem sich Kunstschaffende mit der Hinwendung zur flüchtigen Performance ein Stück weit entziehen. Dass eine neue Relevanz der Performance besteht, belegt auch die Existenz des Performancepreises.

Doch wie sinnvoll ist ein solcher Wettbewerb überhaupt? Um diese Frage dreht sich die Aktion der Genferin Raphaëlle Mueller (*1984), die hinter verschlossenen Türen in einer Diskussionsrunde mit sechs ausgewählten Anwesenden für mehr Solidarität statt Konkurrenzdenken plädiert, wie ein Teilnehmer berichtet. Auch wenn Mueller durch die Ausgrenzung des restlichen Publikums ihre eigene Forderung unterwandert, ist es eine mutige Aktion, die, wie die meisten aufgeführten Performances, den Puls der Zeit fühlt.

Humor mit Relevanz ist preiswürdig

Julie Semoroz’ Töne beispielsweise sind nicht beliebig orchestriert, sondern sie spiegeln physisch eindrücklich nachvollziehbar die elektromagnetische Strahlung ihres Handys. Die Zürcherin Romy Rüegger (*1983) befasst sich mit der homogen sesshaften Struktur unserer westlichen Welt und dem damit verbundenem Ausschluss und Rassismus, während die Freiburgerin Camille Alena (*1986) die Vielfalt der Übersetzungsmöglichkeit und der sprachlichen Verständigung befragt.

Davide-Christelle Sanvee gewinnt den Performancepreis. (Bild: Emmanuelle Bayart)

Davide-Christelle Sanvee gewinnt den Performancepreis. (Bild: Emmanuelle Bayart)

Und das Maskottchen? Es gibt sich am späten Nachmittag als Imitat der markanten, grün verglasten Wendeltreppe des Aargauer Kunsthauses zu erkennen, aus dem sich schliesslich die jüngste Anwärterin Davide-Christelle Sanvee (*1993) herausschält. Im Laufe ihres Auftrittes bringt die Genferin souverän, gespickt mit feinem Humor, Fragen der Integration, Identität und Machttransparenz zur Sprache. Zurecht wird ihr dafür am Abend der mit 30 000 Franken dotierte Hauptpreis übergeben. Ebenfalls verständlich, erhält das Manifesto Reflex Collective den Publikumspreis.

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