Verführungsversuche, Liebesschwüre

ITTINGEN. Ein Herr mit Zylinder verteilt Bildchen. «Sie können den Joseph haben», sagt er. «Oder den Rembrandt. Der ist allerdings nicht ganz jugendfrei.» Dann kommt der Pianist Pavel Yeletskiy, und Lucas A. Rössner erklärt den Zuhörern in der Remise der Kartause Ittingen, worum es geht.

Rolf App
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Stimmiger Auftritt in der Ittinger Klosterkirche: Das Ensemble Les Riches Heures. (Bild: Reto Martin)

Stimmiger Auftritt in der Ittinger Klosterkirche: Das Ensemble Les Riches Heures. (Bild: Reto Martin)

ITTINGEN. Ein Herr mit Zylinder verteilt Bildchen. «Sie können den Joseph haben», sagt er. «Oder den Rembrandt. Der ist allerdings nicht ganz jugendfrei.» Dann kommt der Pianist Pavel Yeletskiy, und Lucas A. Rössner erklärt den Zuhörern in der Remise der Kartause Ittingen, worum es geht.

Joseph lässt sich nicht verführen

Um Joseph nämlich, den in der Bibel Potiphars Frau um jeden Preis verführen will – der aber betonhart an seinem Glauben festhält. Unbeugsam bleibt er auch, als sie ihn denunziert und er im Gefängnis landet, woraus ihn aber dann ein Erzengel befreit. Richard Strauss bekundete einige Mühe, aus dem von Hugo von Hofmannsthal in Worte gefassten Verführungsdrama ohne Verführung Musik zu machen. Und Yeletskiy und Rössner wenden die Geschichte nun ins Komische, kommentieren Auszüge, rufen einen angeblichen Livestream aus Australien ab, und zwischendurch singt Rössner noch eine Szene aus «Madame Pompadour» von Leo Fall, mit hoher und tiefer Stimme, sie und ihn imitierend. Was nicht nach jedermanns Geschmack zu sein scheint. Aber es stellt eine Steilvorlage für den Literaturwissenschafter Peter von Matt dar, der im Mittelteil dieses vierten Konzerts der Ittinger Pfingstkonzerte von der diesjährigen künstlerischen Leiterin Graziella Contratto als Experte für Verführung geladen ist. Dann geht es weiter mit der Verführung: durch die Musik und den Tanz. Pavel Yeletskiy interpretiert Chopins «Préludes», die Tänzerin Liz Waterhouse macht aus ihnen kleine Bewegungsstudien.

Wunderbar durchsichtiges Spiel

Ein wirkliches Liebesabenteuer hat in Leoš Janáceks Streichquartett «Intime Briefe» seinen Niederschlag gefunden. Man spürt im überaus feinen Spiel des Signum Quartetts auf Schritt und Tritt die Hitze der Gefühle, die sich da zwischen dem 73jährigen Janácek und seiner 28 Jahre jüngeren Geliebten entwickelt haben. Im zweiten Teil ihres Nachmittagskonzerts kommt der Klarinettist Robert Pickup hinzu, und unter ihren Händen erfährt das Klarinettenquintett h-Moll op. 115 von Johannes Brahms eine wunderbar durchsichtige Ausdeutung.

Wenn es dunkel wird

Gegen Abend nimmt der stete Strom der Besucher in der Kartause ab, zum nächsten Termin versammelt man sich um 21 Uhr in der Klosterkirche. Langsam bricht in dieses Barockjuwel die Nacht herein, während vorne das Ensemble Les Riches Heures das uns musikalisch so fremde Mittelalter lebendig werden lässt. Enorm, wie sich die hellen Stimmen der Sopranistinnen im Raum entfalten. Auch die Interventionen der Medienkünstler Henri de Saussure und Timmy Schenk passen sich stimmig ein.

Graziella Contratto experimentiert gern. Im letzten Konzert gestern mittag tut sie es in zweierlei Richtung. Zum einen präsentiert sie den 1939 verstorbenen und seither weitgehend vergessenen Franz Schmidt mit zwei Sätzen aus dessen Klavierquintett Nr. 1 G-Dur.

Mahlers ungewohnte Vierte

Zum andern dirigiert sie zwei Werke in ungewohnter Besetzung: Sieben frühe Lieder von Alban Berg werden ebenso wie Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4 G-Dur von einem Kammerorchester interpretiert. Vor allem die mittleren Sätze der Sinfonie entwickeln in kleiner Besetzung grosse Strahlkraft – zu der im anschliessenden Finale und in den Berg-Liedern noch Angélique Boudeville mit ihrem warmen, kraftvollen Sopran kommt.

Bevor es mit Mahlers Vierter losgeht, stellt Graziella Contratto ihren Nachfolger vor: den Pianisten Oliver Schnyder, der im kommenden Jahr andere, aber wohl ebenso interessante Akzente setzen wird (siehe Kasten).