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Verfolgt von Herz und Wurst

Zur neuen Spielzeit bewerben die Theater ihr Programm in dicken Büchern. Die Benutzerfreundlichkeit leidet allerdings oft unter dem trendigen Design. Ein Vergleich.
Valeria Heintges
Mal gross, mal klein: Programmhefte von Theatern und Opernhäusern. (Bild: Hanspeter Schiess)

Mal gross, mal klein: Programmhefte von Theatern und Opernhäusern. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Stapel der Programmhefte wächst mit jedem Tag. Dicke, kleine, nicht so dicke grosse Bücher, solche mit vielen Bildern, manche fast ganz ohne, manche, denen man sofort ansieht, dass der Werbeetat gross ist, andere, die eher von beschränkten finanziellen Mitteln künden. So werben die Theater der näheren und weiteren Region für die nächste Saison. Wir haben die Programmhefte angeschaut – und uns manchmal auch durchkämpfen müssen.

Theater und Sinfonieorchester St. Gallen. Gäbe es einen Wettbewerb um das beste Programmheft, das Theater St. Gallen würde wohl auf einem der hinteren Plätze landen. Dafür gibt es einfach zu viele Kritikpunkte: Die Idee, das Heft von der einen Seite für Theater-, von der anderen von Konzertbesuchern lesbar zu machen, ist gut. Aber man muss als Nutzer deutlicher am Cover erkennen können, auf welcher Seite man gerade steht. Dazu kommt eine einfach zu schreiend-aggressive orange Farbgebung für das Jugendtheater, die Jugendliche kaum erfreuen und ihren Eltern das Lesen fast unmöglich macht. Es ist auch nicht sinnvoll, die Premierendaten ebenfalls in schlecht lesbarem Orange, das Uraufführungsdatum (bei «Othello» zum Beispiel 1604) hingegen gut lesbar schwarz zu schreiben. Vollends unverständlich ist, warum die wenigen Fotos nicht mit Namen der Darsteller versehen sind – wer je erlebt hat, wie junge Mädchen entzückt ihrem Lieblingsschauspieler auflauern, begeht solche Fehler nicht mehr.

Theater Konstanz. Konstanz hat die Spielzeit unter das Motto «Deutsche Heimat, Schweizer Berge» gestellt. Das Programmheft sieht daher aus wie ein überdimensionierter Schweizer Pass und gleichzeitig wie eine Tafel Schokolade, die am unteren rechten Rand angebrochen ist und ihren süssen Inhalt hervorlugen lässt. Das Thema Heimat durchzieht das ganze Heft: Intendant Christoph Nix denkt über das Leben der Grenzvölker nach, Peter von Matt über die Schweiz. Eine Karte zeigt die Herkunft des Ensembles mit Punkten in ganz Europa, dazu auf der Krim, in Georgien und Israel. Die Fotos der Schauspieler ziert deren Antwort auf die Frage: «Wo ist für Dich Heimat?» Da behauptet einer «Heimat geht durch den Magen» und isst dazu ein Würstchen mit Sauerkraut, ein anderer sagt, Heimat sei, wo er einfach loslassen könne – und fliegt im Bild von einer hoch hinauf schwingenden Schaukel. Am berührendsten Thomas Fritz Jung, der auf der Gegenseite der Ankündigung von «Gegen die Wand» erklärt: «Meine Heimat gibt's nicht mehr. Das war einmal die DDR.» Das Motto bekommt so Gesichter und Geschichten, die Schauspieler ein Leben neben der Bühne.

Zürcher Opernhaus. Zweifellos viel Geld hat das Zürcher Opernhaus. Das beweist sein 232 Seiten dickes Programmheft. Es kommt allerdings nicht protzig daher, ist auf normalem Papier gedruckt, zeigt nur einige wenige Inszenierungsbilder, die mit Namen versehen sind und so auch ein Wiedererkennen ermöglichen. Bestechend einfach die Idee, jede der zwölf Premieren mit einem einfachen, aber schön gestalteten Symbol zu versehen. Das Herz von «Romeo und Julia» zum Beispiel ziert auch das Titelblatt, der «Fliegende Holländer» bekommt ein Propellerblatt, das Händel-Projekt «Sale» von Christoph Marthaler bekommt sogar eine Wurst. Die Signets sind auch hervorragend geeignet für Werbung: Sie zieren jede Anzeige und jede Broschüre – man wird sozusagen von Herz und Wurst verfolgt.

Schauspielhaus Zürich. Das Schauspielhaus Zürich landet nach einigen verrückten Höhenflügen dieses Jahr wieder auf dem Boden und leistet sich nur noch ganz wenige Design-Eskapaden. Das DIN A4-grosse Programmheft hat einen Hochdruckteil mit Schauspielerfotos und einen für die Premierenankündigungen. Ungeschickt, dass man die Namen der Akteure im Index nachschlagen muss, schön, dass zwischendurch ungewöhnliche Perspektiven auf Zürich zu sehen sind. Sicher: Die Seitenzahlen stehen auf dem Kopf, das Papier im hinteren Teil ist beinahe grob zu nennen – im Ranking des Wettbewerbs «Zeige mir Dein Programmheft und ich sage Dir, wie sehr Du glaubst, dass Du stylish bist» belegt das Haus immer noch einen vorderen «Wir sind total stylish»-Platz. Aber die Zeiten, in denen die Programmhefte noch an Telefonbücher erinnerten, sind zum Glück vorbei.

Neumarkt-Theater. Das Zürcher Neumarkt-Theater fährt eine Alternativlinie zu den grossen Häusern – und muss es auch. Wie weit das Team unter Barbara Weber und Raffael Sanchez das treibt, zeigen die Fotos im Programmheft: Sie erzählen die Geschichte der Hochzeit zwischen Weber und Sanchez, die – sie als Mann, er als Frau – in einer Kutsche ausfahren, in eine Demonstration für das Neumarkttheater geraten und hinterher ein Picknick im Park feiern. Es ufert genauso aus wie die Bildstrecke im Heft, zwischen der man die Informationen zu Premieren und Ensemble suchen muss. Das ist witzig und passt zur Linie des Hauses. Etwas konservativere Gemüter werden allerdings sicher abgeschreckt.

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