«Otello»
Verdis Meisterwerk als packendes, grauenvolles Drama von heute

Der beste «Otello» seit 30 Jahren am Theater Basel – inszeniert von Calixto Bieito und dirigiert von Gabriel Feltz. Bieito leuchtet Otellos Psyche aus, dabei hört er genau, was uns Verdi in seiner starken, hochdramatischen Musik erzählt.

Christian Fluri
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So düster und abgründig wie im Film noir: Rita Ahonen als Emilia, Kristian Benedikt als Otello und Simon Neal als Jago.

So düster und abgründig wie im Film noir: Rita Ahonen als Emilia, Kristian Benedikt als Otello und Simon Neal als Jago.

Im Sturm steht er, bullig und untersetzt, aggressiv und verstört ist sein Blick, die Hände sind voller Blut, vom Krieg gezeichnet. In Calixto Bieitos Basler Inszenierung von Giuseppe Verdis Spätwerk «Otello» steht die Titelfigur von Anfang an auf der Bühne – vor dem Stacheldraht, dahinter ist eine Menschenmasse mit gefesselten Händen. Flüchtlinge an den Toren Südeuropas oder Kriegsgefangene? Geschundene, Verachtete sind es. Der Sturm tobt in den Menschen, gerade in Otello. Aufgewühlt ist er, der Immigrant, der zum Heerführer aufgestiegen ist. Seine blutigen Hände sind Zeichen seines Traumas, das er mitbringt vom Krieg.

Bieito leuchtet Otellos Psyche aus, dabei hört er genau, was uns Verdi in seiner starken, hochdramatischen Musik erzählt. Im Dirigenten Gabriel Feltz hat er den perfekten Partner, der spielt die Abgründe aus, spitzt die musikalisch gezeichneten Charaktere zu. Und Kristian Benedikt ist ein idealer Otello. Der Tenor verfügt über Stimmkraft, sichere Höhe und baritonale Tiefe, er gestaltet erschütternd Otellos Wahn, seine Verletztheit wie seine Gewalttätigkeit. Er lebt geradezu den Otello.

Niemandsland Hafen

Bieito erzählt Verdis «Otello» als ein Drama von heute. Einheitlicher Spielort ist ein Hafengelände mit einem Kran (Bühne: Susanne Gschwender). Der Hafen ist Metapher für eine Art Niemandsland, eine industrielle Öde. Regeln der Humanität, einer menschlichen Gesellschaft, sind inexistent. Wir begegnen hier haltlosen kaputten Psychen. Sie quälen, verlachen die Geschundenen. Die Mächtigen in ihren dunklen Anzügen (Kostüme: Ingo Krügler) bekämpfen gleichzeitig einander. Symbolisch für das Dunkel in ihnen ist jenes auf der Bühne.

Einer spinnt grausam die Fäden: Jago, der kalte Zyniker, der Menschenverächter, der intelligente Mörder, der sich nie die Hände blutig macht, der überall Zwietracht und Tod sät. Bieito leuchtet sein Inneres aus, diese abgründige Schwärze und abstossende Kälte – wiederum getragen von Feltz’ schroffer musikalischer Zeichnung. Simon Neal ist bis in die Fingerspitzen ein teuflischer Jago, gibt den Dämon mit seinem kernigen, düsteren Bariton. Aalglatt ist er und hält das von ihm inszenierte tödliche Spiel von Macht und Eifersucht stets beobachtend unter Kontrolle. Mit einer schauererregenden Mimik singt er sein Credo des Bösen. Im Scheinwerferlicht erinnert er mit seinen länglichen, sich verkrampfenden Fingern an Nosferatu. In diesem Spiel sind der junge, platte und hippe Aufsteiger Cassio (mit hellem Tenor ausgezeichnet gesungen von Makrus Nykänen) und der kaputte Rodrigo (hervorragend abgründig gestaltet von Karl-Heinz Brandt) seine Marionetten. Hinterhältig und schmierig flüstert Jago Otello ein, dass sich dessen Frau Desdemona mit Cassio verlustiert, so pflanzt er in Otello die Saat des Eifersuchtswahns. Sie fällt auf fruchtbaren Boden: Otello leidet unter Besessenheit, erkennt, dass er selbst als Heerführer Aussenseiter bleibt. Seine Gräueltaten verfolgen ihn. Er kann das Glück mit Desdemona nicht teilen, das beide in ihrem Duett aneinander vorbeisingend beschwören. Otello pendelt zwischen Regression in einen weinerlichen Kindheitszustand, in brutale Gewaltausbrüche und Selbstdestruktion.

Dem ist Desdemona ebenso hilflos wie verständnislos ausgeliefert. Sie erkennt nicht, was um sie herum gespielt wird – im Gegensatz zu ihrer Freundin Emilia, der Frau Jagos, die das Spiel mal gierig, mal angewidert mitmacht (Rita Ahonen gibt ein genaues Rollenporträt). Die anmutige Desdemona ahnt den nahenden Tod und ist ihm ausgeliefert. Swetlana Ignatowitsch spielt die hingebungsvolle, der Welt abhandengekommene Desdemona tief berührend. Ihr Gesang greift direkt ans Herz – gerade auch das «Ave Maria».

Tiefe und Intensität

Bieito inszeniert das alles mit grosser Tiefe und Intensität, deckt die Abgründigkeiten, die Perversion der Figuren auf. Andere zu quälen, steigert die Lust. Die Geschundenen erscheinen im dritten Akt mit blutigen Oberkörpern. Bieito schafft starke von der spanischen Malerei, dem Dunkel eines Goya und dem Film noir inspirierte Bilder. Der Theaterchor gibt den Bildern des Schreckens mit mitreissendem Gesang Ausdruck. Das Sinfonieorchester Basel spielt farbenreich, mit viel Emotion, reisst musikalisch die Schrunden in den Figuren auf und kann ebenso leise mit Desdemona weinen.

Das Theater Basel präsentiert hier den besten «Otello» der letzten dreissig Jahre. Bieito, Feltz und alle Beteiligten erzählen ein aufwühlendes, pessimistisches und aktuelles Nachtstück, in dem Jago übler Sieger bleibt. Sie geben uns damit ein grandioses Kunstwerk.

Theater Basel Otello, bis 7. April 2015.

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