Verdis «Attila», nachgebessert

Es ist ein vergleichsweise kleiner Eingriff, den Giuseppe Verdis «Attila» auf dem Klosterplatz hat über sich ergehen lassen. Trotzdem stellt sich die Frage: Darf man das?

Rolf App
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Attilas Ende naht, mit ihm das abrupte Ende von Verdis Oper. (Bild: t+t fotografie/Toni Suter)

Attilas Ende naht, mit ihm das abrupte Ende von Verdis Oper. (Bild: t+t fotografie/Toni Suter)

Der Schluss könnte besser sein. Eindrücklicher, wuchtiger. Mehr Finale halt. Aber Giuseppe Verdis Oper «Attila» ist nun halt so, wie sie ist. Oder doch nicht? Die St. Galler Festspiele zeigen jedenfalls einen anderen «Attila».

«Innovative Züge»

An sich, stellt das «Verdi-Handbuch» fest, weise der dritte Akt «durchaus überzeugende, ja innovative Züge auf». Verdi gelinge es, «ein sich stetig aufbauendes crescendo mit ständig wachsender dramatischer Intensität zu entwickeln, das sich, ausgehend von Forestos romanza, über das Zwiegespräch zwischen Foresto und Ezio zum Terzett und schliesslich zum Quartett erweitert.» Allerdings wirke dieser Akt im Vergleich zur monumentalen Anlage der Oper «insgesamt disproportioniert».

Attila und die Verschwörer

Von der dramatischen Anlage her macht der Schluss durchaus Sinn. Attila ist auf der Suche nach Odabella, die er heiraten will, und stösst nicht nur auf sie, sondern auf ihre Mitverschwörer Foresto und Ezio. Er beschimpft die zwei, und Odabella singt: «In deinem Zelt, dicht bei deinem Bett,/ steht der riesige Schatten meines Vaters,/drohend und noch immer blutend./Er fiel, geschlagen von dir!» Dann mischen sich Foresto und Ezio ein, man hört den Lärm des Überfalls, den die Römer gerade auf das Lager der Hunnen verüben. «Dieser Klang ist das Zeichen für deinen Tod», stellen Ezio und Foresto nun fest, Attila schreit «Verräter!». Foresto will ihn durchbohren, doch Odabella entwindet ihm den Speer. Sie sticht Attila nieder, «Du auch, Odabella?» sind seine letzten Worte. Römische Soldaten fallen ein, alle singen: «Gott, das Volk und der König/sind ganz gerächt!»

«Für eine Open-Air-Aufführung war uns das zu abrupt», sagt der St. Galler Opernchef Peter Heilker. «Wir haben ein Stück aus der Prozession der Jungfrauen aus dem ersten Akt wiederholt und ein paar Takte gestrichen.»

«Nicht durch den Fleischwolf»

Urheberrechtlich sei dies unbedenklich, weil der Schutz siebzig Jahre nach dem Tod des Komponisten, das heisst 1971, abgelaufen ist. Man müsse die Lebendigkeit eines Werkes der jeweiligen Zeit anpassen dürfen, betont Heilker. «Aber natürlich darf man dabei dieses Werk nicht durch den Fleischwolf drehen.»

Dass man das Ende von Verdis «Attila» verändert, hat mittlerweile sogar Tradition. Die in St. Gallen gespielte Version basiert auf einer Fassung des italienischen Dirigenten Giuseppe Patanè, der sie 1975 an der Mailänder Scala und vier Jahre zuvor an der Deutschen Oper Berlin spielte.

Die St. Galler Fassung

Ein Leser hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass 1975 der Dirigent Max Lang und Theaterdirektor Wolfgang Zörner in St. Gallen ihre eigene Fassung erarbeitet haben, indem sie eine etwas längere Variante des letzten Finales mit den Schlussakkorden aus «Otello» verknüpft haben.

Nächste Station von «Attila» ist am 7. Juli Wien. Dort wird man nach Heilkers Worten «knallhart den Original-Schluss spielen».