Verbotene Vergnügungen

Perversion und Reifung Bret Easton Ellis und Frédéric Beigbeder, die Chronisten des Turbokapitalismus, ziehen Bilanz: Sex, Drogen, Gewalt sind die Themen des einen, Läuterung beim anderen. Julia Kospach

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Der Drogenrausch der Upper Class hat Bret Easton Ellis wie Frédéric Beigbeder literarisch beschäftigt. (Bild: fotolia)

Der Drogenrausch der Upper Class hat Bret Easton Ellis wie Frédéric Beigbeder literarisch beschäftigt. (Bild: fotolia)

Im Gefängnis begegnet Frédéric Beigbeder einem literarisch beschlagenen Polizisten, der den Einfluss des Freiheitsentzugs auf die schriftstellerische Kreativität lobt und einige prominente Beispiele dafür bringt. Die Haft wirkt auch auf Beigbeder. Tatsächlich werden die zwei Nächte, die der französische Star-Schriftsteller mit dem Ruf eines «Che Guevara im Gucci-Anzug» («Der Spiegel») im kalten Januar 2008 in einem Pariser Gefängnis verbringt, zum Anstoss für ein neues Buch, das in Frankreich schnell zum Bestseller wurde.

Es ist nun unter dem Titel «Ein französischer Roman» auf Deutsch erschienen.

Koks von der Motorhaube

Darin fragt derselbe Polizist Beigbeder auch, was um alles in der Welt ihm eingefallen sei, sich zu später Stunde in einer Seitengasse der Pariser Avenue Marceau in aller Öffentlichkeit direkt von der Motorhaube eines schwarzen Chrysler eine Line Koks in die Nase zu ziehen.

In seiner Antwort kommt Beigbeder auf den Roman eines anderen Schriftstellers zu sprechen, der «grossen Einfluss auf meine Arbeit» hat. Er habe, erklärt Beigbeder dem Polizisten, Bret Easton Ellis' «Lunar Park» eine Reverenz erweisen wollen.

Bret und Frédéric, Frédéric und Bret. Der eine hat mit seinen Büchern Frankreich aufgemischt, der andere die USA.

Mit «Unter Null», «American Psycho» oder «Lunar Park» hatte sich Ellis zum Chronisten der Perversionen des Turbokapitalismus à la Hollywood und Wall Street aufgeschwungen und war mit seiner eigenen Rolle in diesem Spiel der Reichen und Schönen auch gleich so verschmolzen, dass er selbst bis zum Hals darin versank. Seine Themen: Sex, Drogen, Statussymbole, Geld, Angst und Gewalt. Auch Ellis' neuer Roman «Imperial Bedrooms» ist kürzlich auf Deutsch erschienen.

Frédéric Beigbeder kam etwas später, schlug aber mit seinem Roman «39,90», der ihn seinen Job in einer grossen, internationalen Werbeagentur kostete, nicht weniger ein. Auch hier: Geld, Sex, Drogen, Dekadenz. Und: Unglück. Das Unglück wessen? Nun: der Reichen.

Wo stehen wir jetzt?

Nun sind sie beide wieder da; mit neuen Büchern, die beide eine Art Bestandsaufnahme versuchen, Bilanz über das «Wo stehen wir jetzt?» ziehen und sich doch in keiner Weise gleichen. Bret Easton Ellis kommt in «Imperial Bedrooms» zur Einsicht: Alles ist, wie es immer war.

Er ruft das Personal seines Débutromans «Unter Null» auf den Plan, vor allem jenen Clay, den er vor 25 Jahren als Student aus gutem Hause einen kalifornischen Sommer lang in einem Gewalt-, Drogen- und Sexrausch versinken liess, schickt ihn von New York aus, wo er jahrelang gelebt hat, nach L. A. zurück und lässt ihn auf seine alten Freunde treffen.

Clay hält sich eine junge Schauspielerin als Geliebte, die er mit dem Versprechen einer Filmrolle, auf deren Vergabe er überhaupt keinen Einfluss hat, an sich bindet. Zwei seiner alten Kumpel kaprizieren sich auf dieselbe Frau. Ellis zeichnet ein Bild aus Misstrauen, Paranoia und Nihilismus, ein Panoptikum der Ausschweifung, in denen sein übersättigter Held gleichermassen leidend wie sadistisch eine elende Rolle spielt.

Schockierende Szenen

Im Ende verlässt ihn die Schauspielerin, und Clay bezahlt zwei Teenager, ein Mädchen und einen Jungen, mit denen er in ein abgelegenes Haus in der Wüste fährt, um sie dort über Tage erbarmungslos und verstörend zu missbrauchen. Die Szenen sind schockierend, und doch sind seither 25 Jahre vergangen, in denen mediale Gewalt, Rücksichtslosigkeit und offensive Sexualisierung aller Gesellschaftsbereiche so gegenwärtig sind, dass «Imperial Bedrooms» einen schalen Beigeschmack hat.

Es wirkt, als wäre Ellis einfach auf einem Trip hängengeblieben, als wiederholte er wie eine steckengebliebene Schallplatte dasselbe Mantra von der Verderbtheit der Upper Class.

Beigbeders Selbsterforschung

Frédéric Beigbeders Bilanzziehung liest sich interessanter und überraschender. «Ein französischer Roman» ist der Versuch einer Autobiographie, einer Familiengeschichte und einer Selbsterforschung in einem.

Das Buch erzählt von einem Kind aus bestem Hause, mit halb aristokratischer, halb grossbürgerlicher Herkunft, von einer zerrütteten Ehe, von einer Kindheit, die zwischen Luxus und Bedrängnis, zwischen Unsicherheit und Überfluss hin und her schwankte.

In «Ein französischer Roman» haben wir es mit der Läuterung des Frédéric Beigbeder zu tun.

Damit, dass sich einer vom «arroganten Verführer, der ich gerne gewesen wäre», zum «verklemmten Spiesser» in sich bekennt und dabei das Kunststück schafft, interessant zu bleiben. Interessant ist das vor allem, weil es mit Entwicklung einhergeht und einem Reifeprozess, der das Gegenteil von Langeweile ist.

Beigbeders Résumé ist beinah unschuldig: «Das Katholischste an mir ist dies: Ich habe es lieber, wenn meine Vergnügungen verboten sind.» Sagt's und geht stattdessen mit seiner kleinen Tochter am Strand seiner Kindheit spazieren.

Vielleicht spiessig, aber lebendiger als Bret Easton Ellis.

Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010, Fr. 29.90 Frédéric Beigbeider: Ein französischer Roman. Piper, München 2010, Fr. 31.90

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