Verborgen hinter Masken

Fast alle ihre Fotoarbeiten haben nur ein Motiv: Die Künstlerin selbst. Das Kunsthaus Zürich zeigt eine Retrospektive der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman. Mit bizarren Selbstinszenierungen provoziert Sherman auch hier.

Florian Weiland
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Sie ist Madonna und Sexobjekt, Clown, Opfer eines Verbrechens und reiche Society Lady. Cindy Sherman, 1954 geboren, liebt es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und sich zu verkleiden. Kein Klischee schreckt sie. In den «Untitled Filmstills», einer ihrer frühen Werkserien aus den späten 1970er-Jahren, nimmt sie die verschiedenen Frauentypen Hollywoods aufs Korn. Ein anderes Mal tauscht sie mit einem Topmodel und wird Covergirl eines Modemagazins. Die Täuschung ist so perfekt, dass man sie kaum erkennt. Doch gleich daneben hängt ein weiteres Bild. Es zeigt dasselbe Zeitschriftencover. Doch diesmal ist Shermans Gesicht zur Grimasse geworden, und sie kneift dem Betrachter ein Auge zu.

Rollenspiele

Wer ist diese Frau? Sie sei nicht interessiert daran, irgendetwas von sich selbst zu enthüllen, hat Cindy Sherman, die 2012 mit dem Roswitha Haftmann Preis ausgezeichnet wurde, einmal gesagt. Und dazu noch ergänzt: «Die Kamera lügt.»

Fast alle ihre Fotoarbeiten haben nur ein Motiv: die Künstlerin selbst. Sie verbirgt sich hinter immer neuen Masken. Die wahre Cindy Sherman, die gerne als Ikone der feministischen Kunst gefeiert wird, bekommen wir nicht zu Gesicht. Sie trägt auf den Fotos – deutlich erkennbar – Brustattrappen, pfundweise Make-up und Perücken. Diese «Verunstaltungen» werden nicht vertuscht, sondern im Gegenteil, betont. Die bizarre Selbstinszenierung ist für Sherman ein Spiel, genauer: ein Rollenspiel. Die Künstlerin wird zur «Anziehpuppe». Ihre Wandelbarkeit – und mehr noch, die ihres Gesichts – beeindruckt immer wieder aufs Neue.

Ungewöhnliche Hängung

Das Kunsthaus Zürich gibt mit 110 Arbeiten einen umfassenden Einblick in das Schaffen Shermans. Das Museum will dabei neue Wege beschreiten. Statt einem Audioguide wird eine kostenlose App angeboten, anstelle von Kunsthistorikern und Kuratoren dürfen Filmemacher und Schriftsteller im Katalog schreiben.

Am ungewöhnlichsten jedoch ist die Art der Hängung in der Ausstellung. Sie ist nicht chronologisch. Sherman ist eine Künstlerin, die in Werkserien arbeitet. In Zürich werden diese zugunsten einer «kaleidoskopartigen Hängung», wie es die Kuratorin Mirjam Varadinis formuliert, auseinandergerissen. So entstehen bunt gemischte Bilderwände, auf denen die «Film Stills» auf die «History Portraits» – bei denen Sherman den Alten Meistern der Malerei Referenz erweist – treffen, die «Clowns» auf die «Sex Pictures»-Serie.

Ein Gewinn? Das ist die grosse Frage. Einerseits wird deutlich, wie konsistent Shermans Werk letztlich ist, und um die immer gleichen Themen – allen voran Sexualität und Körperlichkeit – kreist. Auf der anderen Seite verlieren einzelne Bilder, die aus dem Zusammenhang der jeweiligen Bildserien gerissen werden, in dieser Art der Präsentation ihre Wirkung. Das betrifft insbesondere die Serie der «Crime Scenes». Andere dagegen gewinnen fraglos dazu. Spannend ist die ungewöhnliche Inszenierung allemal.

Die Bilder laden zum Vergleich ein. Immer wieder eröffnen sich überraschende Blickachsen. Zudem finden sich auch in Zürich Werkserien, die zusammenbleiben dürfen. Es handelt sich vor allem um Aufnahmen aus dem Frühwerk.

Nichts für zarte Gemüter

Während auf den frühen Selbstporträts noch das Kabel des Selbstauslösers im Bild zu sehen ist, sind die aktuellen Arbeiten am Computer bearbeitet worden. Auch dies eine interessante Entwicklung im Werk Shermans. Den Schlusspunkt bildet eine gigantische Wandtapete, auf der die Künstlerin einmal mehr in unterschiedlichen Rollen zu sehen ist. Diesmal konnte sie sogar darauf verzichten, sich zu schminken. Die digitale Bildbearbeitung machte es möglich. Die Ausstellung ist nichts für zarte Gemüter. Cindy Shermans Bilder sind abgründig und nicht selten brutal und richtiggehend abstossend. Darauf spielt der Ausstellungstitel, «Untitled Horrors» an.

Eklig wird es, wenn sich Aufnahmen von Erbrochenem oder verschimmelten Speisen zu einem gewaltigen Landschaftspanorama vereinen. Obszön, wenn Sherman ihre Anfang der 90er-Jahre entstandenen «Sex Pictures» in Szene setzt. Sie greift dabei auf Puppen zurück. Doch das Lieblingsspielzeug kleiner Mädchen wird pervertiert. Die Puppen sind verstümmelt, die Geschlechtsteile überdimensioniert. Cindy Sherman provoziert und eckt an. Daran hat sich in den letzten dreissig Jahren nichts geändert.

Bis 14. September, Kunsthaus Zürich, www.kunsthaus.ch

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