Vater und Sohn am DJ-Pult

Zwei Generationen gemeinsam an den Plattentellern? Johnny Lopez und Saint Kaay beweisen, dass das geht – trotz 43 Jahren Altersunterschied. Im Interview geben die zwei St. Galler Einblicke in ihre etwas andere Familiengeschichte.

Roger Berhalter
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«Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack»: Johnny Lopez und Saint Kaay. (Bild: pd)

«Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack»: Johnny Lopez und Saint Kaay. (Bild: pd)

Diese beiden sind pure Harmonie. Sie strahlen bis über beide Ohren, sind von entwaffnender Offenheit und wollen von einem Generationenkonflikt partout nichts wissen. Der Vater, Hanspeter Tobler alias Johnny Lopez, mit 65 Jahren der am längsten aktive DJ der Stadt und jener mit der wohl grössten Stilvielfalt, von Sixties Soul bis Electro. Der Sohn, Dominic Keller alias Saint Kaay, Psychiatriepfleger in Weiterbildung, 22 Jahre alt und aufstrebender St. Galler DJ mit Vorliebe für Deep und Tech House. Zusammen machen die beiden, was ausser ihnen weit und breit niemand macht: Als Vater und Sohn gemeinsam am DJ-Pult stehen.

Saint Kaay, Hand aufs Herz: Ist es nicht ein bisschen peinlich, zusammen mit dem Vater aufzulegen?

Saint Kaay: Nein, warum?

Für viele in Ihrem Alter wäre es nur schon ein Albtraum, den Eltern im Ausgang zu begegnen. Sie hingegen stellen sich sogar gemeinsam auf die Bühne.

Kaay: Bei uns läuft eben vieles anders. Mein Vater ist ein Vorbild für mich. Wir verstehen uns gut und haben die gleiche Wellenlänge.

Johnny Lopez: Und du bist ein Nachtmensch, genau wie ich. Das färbt wohl ein bisschen ab.

Früher war das normal: den Beruf des Vaters zu erlernen. War es für Sie klar, dass Ihr Sohn diesen Weg gehen muss?

Lopez: Nein, das geschah ohne Druck. Ich habe ihm nur den Anfang gezeigt. Er hat aber längst selber Erfolg und seinen eigenen Stil entwickelt.

Kaay: Ich mache es aus Spass! Es geht nicht darum, die Arbeit meines Vaters weiterzuführen. Ich bin halt damit aufgewachsen, habe ihn in Plattenläden begleitet und gesehen, wie er zu Hause im Gang seine CDs sortierte, bevor er auflegen ging. Lange hat mich das nicht interessiert – bis ich selber in den Ausgang ging. Je mehr ich in die Clubwelt hineinsah, desto mehr faszinierte sie mich.

Wie der Vater, so der Sohn: Ist damit die DJ-Nachfolge geregelt?

Lopez: Nein, nein, daran denke ich im Moment noch gar nicht!

Immerhin sind Sie seit Anfang Jahr offiziell pensioniert.

Lopez: Ich lege aber immer noch vier- bis fünfmal pro Woche auf.

Warum macht Ihnen das noch immer Spass, nach mehr als vierzig Jahren?

Lopez: Weil jede Nacht anders ist. Ein DJ arbeitet mit Emotionen, da lässt sich nicht alles berechnen, es geht nicht immer auf, somit bleibt es spannend. Manchmal fragt man sich zwar schon, was das soll, wenn in einem Club das gleiche Girl wieder den gleichen Song wünscht. Aber solche Zweifel gibt es in jedem Job.

Soll Ihr Sohn einmal vom Auflegen leben, so wie Sie?

Lopez: Im Moment ist er noch in einer Weiterbildung. Aber wenn er sie abgeschlossen hat, soll er sich mal eine Weile aufs DJing konzentrieren, vielleicht auch für ein paar Monate nach London fliegen.

Normalerweise raten Väter ihren Söhnen das Gegenteil: Hör mit der Musik auf und mach eine richtige Ausbildung!

Kaay: Wie gesagt, bei uns läuft vieles anders. Wir haben ein sehr offenes Verhältnis.

War das immer so? Hatten Sie nie eine rebellische Phase?

Kaay: Naja, mit vierzehn oder fünfzehn hörte ich Hip-Hop, mochte Graffiti und zog ich mich eine Weile lang merkwürdig an.

Lopez: Das war eine Phase, ich liess dich machen. Und ich muss dazu sagen: Bei mir braucht es viel, bis es zum Konflikt kommt.

Wagen wir einen Versuch: Saint Kaay, was können Sie besser als Ihr Vater?

Kaay: Hm… (überlegt lange)

Lopez: Du bist technisch viel versierter als ich, kannst zum Beispiel besser scratchen. Ich habe die Plattenspieler nie als Instrument benutzt. Auch mit diesem Mash-up-Trend konnte ich nichts anfangen, so schnell konnte ich die CDs gar nicht wechseln. Mir ging's immer um die Musik, nie um die Technik.

Was können Sie besser als Ihr Sohn?

Lopez: Ich decke eine breitere Palette ab. Den Funk und Soul der Sechziger oder den Pop der Achtziger: diese Zeit hat mein Sohn nicht erlebt. Wobei er mich mit seiner Musikauswahl immer wieder überrascht.

Kaay: Du bringst mehr Erfahrung mit, eindeutig.

Wie siehts bei der aktuellen Clubmusik aus? Wer von Ihnen weiss besser, was angesagt ist?

Kaay: Da sind wir gleichauf. Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack.

Lopez: Und es hört nie auf. Ich suche seit mehr als vierzig Jahren nach dem ultimativen Song!