Vagabundin, Heilige, Mörderin

Schon im Teenageralter begann die Karriere von Sandrine Bonnaire. Nie liess sich die inzwischen 47-Jährige aber auf eine bestimmte Rolle festnageln. Das Kinok widmet der wandlungsfähigen Französin im März und April eine Filmreihe.

Walter Gasperi
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Die französische Schauspielerin Sandrine Bonnaire. (Bild: pd)

Die französische Schauspielerin Sandrine Bonnaire. (Bild: pd)

Als siebtes von elf Kindern einer Arbeiterfamilie war Sandrine Bonnaire, die 1967 bei Clermont-Ferrand geboren wurde, eine Karriere als Schauspielerin alles andere als in die Wiege gelegt. In der Schule war sie schlecht, so dass ihr nach eigener Aussage die Wahl zwischen dem Job als Friseuse oder Floristin blieb.

Karriere durch Zufall

Über den Vater einer Schulfreundin kam sie zu einer kleinen Rolle in «La Boum 2» (1982). Richtig entdeckt wurde sie im folgenden Jahr von Maurice Pialat. Die 15-Jährige begleitete eigentlich ihre Schwester Corinne zum Casting von «À nos amours» (1983), doch der umstrittene Regisseur liess Sandrine vorsprechen, erkannte ihre Begabung und gab ihr die Rolle einer Schülerin, die auf der Suche nach Liebe nur sexuelle Abenteuer findet. Auf Anhieb gewann sie, die nie Schauspielunterricht genommen hatte, für die Hauptrolle in diesem traurigen Teenagerporträt den César als beste Nachwuchsdarstellerin. Zwei Jahre später gelang Bonnaire mit der intensiven Verkörperung einer Landstreicherin in Agnès Vardas «Sans toit ni loi» (1985) der internationale Durchbruch (César als beste Hauptdarstellerin). Vielfältige Rollen folgten: Für Pialat spielte sie in seiner umstrittenen Bernanos-Verfilmung «Sous le soleil de Satan» (1987) ebenso eine Mörderin wie acht Jahre später zusammen mit Isabelle Huppert für Claude Chabrol in «La cérémonie» (1995). Für Jacques Rivette dagegen brillierte sie in «Jeanne la Pucelle» (1993) als französische Nationalheilige Jeanne d'Arc sowie in der «Elektra»-Aktualisierung «Secret Défense» (1998) als Forscherin, die den Tod ihres Vaters rächt.

Bardots Lächeln, Moreaus Reife

Lebten ihre frühen Rollen entscheidend von ihrer physischen Präsenz, so ist ihr Spiel, das frei ist von Starallüren, mit den Jahren zurückhaltender geworden. Michel Piccoli, der ihr Partner in Jacques Doillons «La puritaine» (1986) war, schwärmte von ihr als «Anfängerin mit dem Lächeln der Bardot und der Reife der Moreau». Nie sind Bonnaires Figuren folglich glatt, sondern bewahren immer etwas Unergründliches und Geheimnisvolles. Bei Patrice Leconte lässt sie sich in der meisterhaften Simenon-Verfilmung «Monsieur Hire» (1989) von einem Voyeur nicht einschüchtern, sondern geht in die Offensive. Undurchschaubar ist sie beim selben Regisseur auch 15 Jahre später, als sie in «Confidences trop intimes» (2004) als unzufriedene Ehefrau im Büro eines Steuerberaters statt in der Praxis eines Psychotherapeuten landet.

Vom Spiel zur Regie

Jedes Rollenangebot überprüft sie genau, spielt vorzugsweise Charaktere, die möglichst weit von ihrer eigenen Persönlichkeit entfernt sind, um aus dem Spiel etwas zu lernen. Nicht nur mit arrivierten Regisseuren, sondern oft auch mit Newcomern arbeitet sie, wie mit Safi Nebbou («Le cou de la girafe», 2004), Philippe Loiret («L'Équipier», 2004) oder Caroline Bottaro, in deren «Joueuse» (2009) sie brillant die Entwicklung eines Zimmermädchens vom mehr oder weniger willenlosen Objekt zum handelnden und selbst entscheidenden Subjekt spielt. Neben dem Schauspiel hat sich Bonnaire in letzten Jahren auch der Regie zugewandt. Bewegend porträtiert sie im Dokumentarfilm «Elle s'appelle Sabine» (2007) ihre autistische Schwester. 2012 folgte mit «J'enrage de son absence», der auf den Lebenserinnerungen ihrer Mutter beruht, ihr erster Spielfilm.

Sandrine-Bonnaire-Reihe im Kinok: À nos amours: 2.3., 17.30 Uhr; 11.3., 20.30 Uhr Sans toit ni loi: 4.3., 20.30 Uhr; 16.3., 17.45 Uhr Monsieur Hire: 13.3., 17.15 Uhr; 30.3., 20 Uhr La cérémonie: 9.3., 17.30 Uhr; 19.3., 18.15 Uhr (Fortsetzung im April)

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