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US-Medienkünstler Mike Bonanno veranstaltet Performance im Zürcher Hauptbahnhof

Als Mitglied der politischen Aktivistengruppe The Yes Men bringt der US-amerikanische Medienkünstler Mike Bonanno regelmässig Unternehmen und Politiker in Rage. Nun lässt er für das Zürcher Theater Neumarkt Menschen tanzen bis zum Umfallen.
Julia Stephan
Der Schalk sitzt ihm im Nacken: Medienkünstler Mike Bonanno im Zürcher Theater Neumarkt. (Bild: Dominik Wunderli (Zürich, 30. August 2019))

Der Schalk sitzt ihm im Nacken: Medienkünstler Mike Bonanno im Zürcher Theater Neumarkt. (Bild: Dominik Wunderli (Zürich, 30. August 2019))

Das Anarchische des Tanzes, im kapitalistischen System gezähmt zur ausbeuterischen Tanzveranstaltung mit Tänzern, Zaungästen und einem Entertainer, der mit knallgelbem Anzug und pinken Rollschuhen wortreich Stimmung macht, wo keine von selbst entsteht: So war US-Medienaktivist Mike Bonanno am Zürcher Theaterspektakel zu erleben.

Das erste Kapitel seines Dreiteilers «They Shoot Horses, Don’t They?» eröffnete dort die neue Saison des Zürcher Theater Neumarkt. Vier Stunden lang schüttelten rund fünfzig Freiwillige auf der Landiwiese Arme und Beine und unterwarfen sich absurden Regievorgaben. Wer sich eine Verschnaufpause gönnte, flog raus. Acht Teilnehmer hielten durch.

Selbstausbeutung sieht anders aus

So knallhart wie der Stoff, von dem sich Bonanno inspirieren liess – Horace McCoy’s Roman «They shoot horses, don’t they?» (1935) über die Marathontanz-Veranstaltungen der Depressionszeit und dessen Filmadaption von Sydney Pollack - war seine Tanzvorstellung dann doch nicht. Wo die historischen Vorbilder der 1920er-Jahre auch mal über 200 Stunden dauerten, und es den Teilnehmern ums blanke Überleben ging - man war klamm und brauchte das Geld -, war von der angekündigten Selbstausbeutung auf der Landiwiese wenig zu spüren. Bei der nächsten Aktion am Hauptbahnhof Zürich wird der Gürtel in einem drei Mal drei Meter grossen Kubus allerdings enger geschnallt, verspricht Bonanno. Und das Bühnenstück im Theater Neumarkt soll gar dystopische Elemente besitzen.

Der Hochschulprofessor, der im akademischen Umfeld mit seinem bürgerlichen Namen Igor Vamos auftritt, machte in den 1990er-Jahren weltweit von sich reden, als er als Mitarbeiter des Spielzeugherstellers Mattel die Sprachchips von Barbie- und Soldatenpuppen austauschte. Freunde machte ihn später mit dem Programmierer Jacques Servin bekannt. Der hatte homoerotisches Bildmaterial in einen Flugsimulator eingebaut und war deshalb von seinem Arbeitgeber wegen Verbreitung unangemessener Inhalte entlassen worden.

Neoliberale Botschaften ad absurdum führen

Seither unterwandert das gerne in der Grauzone der Legalität arbeitende Dreamteam als Kollektiv The Yes Men (Deutsch: «die Arschkriecher») die Welt der Anzugs- und Krawattenträger. Es nutzt Pressekonferenzen als Bühnen, fälscht Zeitungen, wie kürzlich die «Washington Post» mit der Meldung, Trump sei von Frauen aus dem Amt vertrieben worden, oder kreiert Internetauftritte wie die der Welthandelsorganisation (WTO). Als Experten und Firmenvertreter lassen sie sich auf Kongresse einladen, wo sie die neoliberalen Haltungen von Unternehmen ad absurdum vertreten oder gegen eine aus ihrer Sicht bessere Vision austauschen. So kündigten sie vor wenigen Jahren an, die Welthandelsorganisation würde als Trade Regulation Organisation sich neuen Aufgaben stellen.

«Die meisten Entscheidungsträger funktionieren wie Spieler: Gibt man ihnen neue Regeln vor, hinterfragen sie diese nicht, sondern haben sofort Ideen, wie man unter den neuen Bedingungen Geld macht», erzählt Bonanno. Und diese Ideen seien zuweilen ganz grossartig.

Mit ihrem Portal Yes Lab unterstützen die zwei weltweit Kampagnen. Auch in der Schweiz war man schon am World Economic Forum (WEF) als Grabredner zu Gast. Tactical media heisst diese politisch motivierte Medienkunst. Und sie ist angesichts eines Fake News twitternden US-Präsidenten anspruchsvoller geworden. «Wir überlegen uns inzwischen genau, was wir mit unseren Aktionen auslösen», sagt Bonanno. Gegen den Vorwurf mit «Fake News» in die Irre zu leiten, wehrt er sich vehement. «Die Menschen sollen nur einen kurzen Moment an unsere Geschichten glauben», sagt Bonanno. So lange, bis die Meldung genügend Staub aufgewirbelt hat. Etwa diejenige, mit der sein Kollege Jacques Servin 2004 auf BBC World als angeblicher Vertreter des US-Konzerns Dow Chemical an die Öffentlichkeit trat: Der Konzern wolle 12 Milliarden US-Dollar an die die Überlebenden einer Chemiekatastrophe im indischen Bhopal auszahlen. Worauf die Aktie des Unternehmens massiv an Wert verlor.

«Unsere symbolischen Interventionen helfen dabei, die politische Kompassnadel unserer Demokratien ein klein wenig zu verschieben.»
Mike Bonanno, Medienkünstler

«Unsere symbolischen Interventionen helfen dabei, die politische Kompassnadel unserer Demokratien ein klein wenig zu verschieben», ist Bonanno überzeugt. Die Naivität und Bereitwilligkeit, mit der sich die Menschheit an der Nase herumführen lässt, ist berauschend. Verfolgen lässt sich das in mehreren Dokumentarfilmen der Yes Men . Derzeit arbeiten sie an einem Film über Mauern. Das geplante Exemplar an der mexikanischen Grenze ist nur eines unter vielen. Und man ahnt schon jetzt: Bonanno wird die Schweiz kaum verlassen, ohne vorher noch ein trojanisches Pferd in unser Land eingeschleust zu haben, Wetten?

«They shoot horses?» Kapitel 2: 6. - 10.9., Hauptbahnhof Zürich.
Kapitel 3: 18.9., 19.30 Uhr, Theater Neumarkt, Zürich.
www.theaterneumarkt.ch

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