Interview

Ursus von Ursus & Nadeschkin über Künstler in der Coronakrise: «Wir erhalten über Monate keine Gage»

Urs Wehrli nervt sich über Künstler, die sich in der Isolation selbst inszenieren. Lieber wartet er auf den nächsten Auftritt.

Sabine Altorfer
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Urs Wehrli (links) vom Komikerduo Ursus und Nadeschkin (Nadja Sieger, rechts) mag Schräges und Absurdes – ob im Zirkus, auf der Bühne oder im Tagebuch.

Urs Wehrli (links) vom Komikerduo Ursus und Nadeschkin (Nadja Sieger, rechts) mag Schräges und Absurdes – ob im Zirkus, auf der Bühne oder im Tagebuch.

Bild: PD/Geri Born

Eigentlich sollte sich Urs Wehrli in seinem Wohnwagen von der gestrigen Show beim Circus Knie erholen und sich auf die Abendvorstellung als Ursus & Nadeschkin vorbereiten. Aber am Premierentag im März musste die Tournee gestoppt werden. Am Telefon also die erste Frage.

Sie sollten beim Zirkus sein. Wo sind Sie jetzt?

Urs Wehrli: Ja stimmt (fast verwundert). Ich bin in meinem Atelier. Ich habe die komfortable Situation, dass ich dreihundert Meter von der Wohnung im Kreis 5 in Zürich ein Allein-Refugium-­Büro habe, wo wir normalerweise auch proben und wo ich gern Stunden verbringe.

Jetzt proben Sie nicht. Was machen Sie denn die ganze Zeit?

Viele Sachen, für die ich sonst kaum Zeit habe, aber gern mache: Zeug einordnen, Stapel abtragen – ruhige und etwas einsame Arbeit.

Zur Person

Urs Wehrli
Bild: Keystone

Urs Wehrli

1987 lernen sich Urs Wehrli (1969 in Aarau geboren) und Nadja Sieger (1968 in Zürich geboren) an einem Clown-Kurs kennen. Seither treten sie als Ursus & Nadeschkin auf, zuerst auf der Strasse und in Altersheimen, dann mit Bühnenprogrammen, am Fernsehen, im Circus Knie, im Orchestergraben, oder moderieren Mix-Programme mit Gästen. Urs Wehrli, gelernter Typograf, veröffentlichte mit «Kunst aufräumen» drei erfolgreiche Bücher, und kürzlich erschien das Tagebuch: «Heute habe ich beinahe was erlebt» (Verlag Kein & Aber). 2020 sind sie beim Circus Knie engagiert, neuer Starttermin ist der 3. Juli. (sa)

Was bedeutet die Absage des Zirkus bis – vorerst – 3. Juli?

Bis einen Tag vor der Premiere haben wir gearbeitet, wir waren bereit. Dann kam der Lockdown. Brutaler geht’s nicht. Die Reaktionen laufen auf unterschiedlichen Schienen. Emotional, persönlich, aber auch wirtschaftlich. Am schwierigsten finde ich den Schwebezustand. Es kann einem niemand sagen, dann geht’s sicher wieder los, dann sind Veranstaltungen mit 2500 Leuten wieder zugelassen.

Wissen Sie, wie es jetzt beim Circus Knie in Rapperswil aussieht?

Die meisten Artisten konnten noch ausreisen, aber geschätzte hundert Leute sind in Rapperswil in ihren Wohnwagen. Die marokkanischen Zeltbauer beispielsweise haben Kurzarbeit und warten. Auch mein Wohnwagen steht bereit. Es kommt mir vor wie bei Dornröschen, als alle im selben Moment eingeschlafen, quasi eingefroren wurden. Der Circus Knie ist ein Unternehmen mit rund 200 Angestellten, jetzt laufen einzig der Bürobetrieb und die sich ständig wieder ändernde Neuplanung. Aber die Show ist fertig, der Zirkus wäre innert weniger Tage bereit zu spielen.

Wie sieht es wirtschaftlich für Ursus & Nadeschkin aus? Bekommen Sie Ihre Gage?

Als Künstler ist man immer ein Sonderfall (lacht). Auch jetzt fallen wir zwischen Stuhl und Bank. Wir sind nicht angestellt bei Knie, können also keine Kurzarbeit eingeben. Normalerweise haben wir jeden Tag einen anderen Veranstalter, jetzt aber sind es 190 Vorstellungen bei einem einzigen. Für uns geht’s wirklich um viel Geld. Zum einen erhalten wir über Monate keine Gage, zum anderen haben wir die halbjährige Vorarbeit, den Regisseur, die Requisiten und die Proben selber vorfinanziert. Im Normalfall holt man sich diese Investition durch Spielen wieder herein. Und hoffentlich noch etwas dazu, das man in die nächste Produktion investiert. Wir haben an zwei Orten um Unterstützung eingegeben, aber noch ist unklar, ob und wie viel wir allenfalls von wem bekommen. Das ist belastend.

Ursus & Nadeschkin waren vor 18 Jahren schon einmal beim Circus Knie. Mit riesigem Erfolg. Kann man Erfolg wiederholen, ohne sich zu wiederholen?

Freddy Knie hat uns damals sehr schnell und immer wieder angefragt, weil es wirklich eine erfolgreiche Saison war. Wir haben jahrelang abgesagt, nun waren wir so weit: mit Lust und tollen neuen Ideen.

Bei Ihren Bühnenprogrammen ist die Sprache zentral, beim Zirkusauftritt das Bild.

Dank besserer Technik kann man unterdessen auch im Zirkus recht feine Sachen machen. Aber ja, im Zirkus braucht es das Bild: Bewegung, Licht, Aktion. Es muss klar und direkt und vor allem für alle verständlich sein. Am schönsten ist es, wenn es gelingt, Absurdes oder Schräges so zu erzählen, dass alle die Reise mitmachen. Vereinfachen ist übrigens viel schwieriger, als komplexer zu werden.

Und dazu müssen Sie lustig sein!

Ja, genau. Das ist der Auftrag. Die Familie Knie sagt, wir wären total frei in dem, was wir machen, solange die Leute lachen, sei es gut. Dazu hat man uns engagiert.

Einfach ist das ja nicht.

Tatsächlich, das ist die Herausforderung. Ob und was wirklich funktioniert, zeigt sich erst vor Publikum.

Ursus & Nadeschkin haben 2008 den Reinhart-Ring bekommen, die wichtigste Theaterauszeichnung in der Schweiz. Wie haben Sie das Kunststück geschafft, im ernsten Theater, im Zirkus und als Clowns Anerkennung zu bekommen?

Ich weiss es nicht. Vielleicht hat die Anerkennung damit zu tun, dass wir sehr lange an den Programmen arbeiten und feilen, weil wir beide wie auch Regisseur Tom Ryser extreme Pedanten sind. Die Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit spürt man.

Wohl auch das Training. Sie sind 50, auf den Fotos des Knie-Programms wirken Sie sehr fit.

(lacht) Ich bin kein Akrobat, aber ich schaue meinem Körper, wir tanzen viel. Und für das Knie-Programm habe ich ein Übungsprogramm absolviert, um die intensive Belastung über eine lange Zeit aushalten zu können.

Sie haben ein Tagebuch veröffentlicht, darin steht nichts von Training und Ihrer Arbeit als Clown, überhaupt nichts Wesentliches. Schon der Titel heisst: «Heute habe ich beinahe was erlebt!».

Meinen tatsächlichen Alltag will ich niemandem zumuten. Mir gefällt es besser, die Realität weiterzudrehen, etwas zu überspitzen und zu fragen: Was könnte auch noch sein? Das Tagebuch zeigt, wie und an was ich herumsinniere.

Mein Eindruck war: Sie schreiben alles Mögliche auf, aber das Wichtigste lassen Sie weg.

Weil alle den Alltag, den alle erleben, kennen. Das Büchlein soll ja einen Mehrwert haben. Und vielleicht Mut machen, den eigenen Gedanken etwas weiter zu folgen.

Im Jahr 1997 erhielten Ursus und Nadeschkin zum ersten Mal den Prix Walo. Nur drei Jahre später wurden sie erneut mit den Preis ausgezeichnet

Im Jahr 1997 erhielten Ursus und Nadeschkin zum ersten Mal den Prix Walo. Nur drei Jahre später wurden sie erneut mit den Preis ausgezeichnet

Bild: Keystone

Sie verbinden Träume mit Beobachtungen und Banalem – surreal oder absurd. Wie: «Freitag: Pedalofahren mit der amerikanischen Aussenministerin.»

Ich suche nicht nach Sinn, schon gar nicht nach Moral, sondern notiere und schaue nachher, was da steht. Das Verbinden von Sachen, die nicht zusammengehören, hat mich schon immer fasziniert.

Oder das Auseinandernehmen: Wie bei Ihren erfolgreichen Büchern «Kunst aufräumen»?

Da verbinde ich das banale Aufräumen, wie es jedes Kind kennt, mit der freiesten und chaotischsten Kunstform, der bildenden Kunst. Da gäbe es eigentlich gar nichts aufzuräumen. Aber wenn man es macht, entsteht etwas Überraschendes. Dass solche Einfälle andere interessieren, merkt man aber (allenfalls) erst später.

Bei gewissen Einträgen fragte ich mich: Ui, geht es Urs Wehrli gut? Wenn es heisst «Heute ging alles schief. Das war ein Fest.»

Ich finde es wunderbar, wenn Ihnen dieser Eintrag auffällt. Ich möchte damit die Wertung, was ist gut, was ist schlecht, etwas relativieren – oder gar auf den Kopf stellen. Es braucht doch beide Pole.

Sie könnten jetzt nicht nur im Atelier aufräumen oder Tagebuch schreiben, sondern online daraus vorlesen oder für ein virtuelles Publikum Kunst aufräumen.

Nein! Ich bin kein Freund dieses ganzen Aktionismus in der Kulturszene. Was sollen diese Filmli vor der Bücherwand oder aus der Küche? Man soll diesen Lockdown aushalten, Ruhe geben. Stephan Eicher, wie er zu Hause auf der Gitarre klimpert: schrecklich. Ich mag ihn, aber in seinen ausgereiften Programmen. Dieser Film hat in mir etwas zerstört. Wir sagen alle solchen Anfragen ab. Liveauftritte kann man nicht ersetzen.

Arbeiten Sie an einem neuen Programm?

Wenn ich ordne und sammle, weiss ich noch nicht, wofür, woraus etwas entsteht. Ich bin ein Fan des Wartens und von Momenten, in denen vermeintlich nichts passiert. In diesen Phasen füllt man den Rucksack. Als solch grossartige Zwischenzeit könnten die Künstlerinnen und Künstler doch die Coronazeit nutzen – auch wenn man sie nicht selbst gewählt hat.

Wird die Krise uns verändern?

Ich weiss nicht… aber wir werden uns daran erinnern, weil wir endlich mal bei etwas Grossem mit dabei sind (lacht). Ich hoffe einfach, sie daure nicht zu lang.

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