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Eine literarische Liebeserklärung ans Appenzellerland - von einem Türken

Ein Appenzeller wandert Mitte des 19. Jahrhunderts in die Türkei aus und wird ein reicher Mann. Der erste Roman von Abdullah Dur liest sich flüssig. Der Autor spiegelt darin auch ein Stück seiner Geschichte: Die eines Türken, der hier sein Glück fand.
Martin Preisser
«Ich musste wie ein Schweizer denken», erzählt Abdullah Dur über das Schreiben seines ersten Romans. (Bild: Michel Canonica)

«Ich musste wie ein Schweizer denken», erzählt Abdullah Dur über das Schreiben seines ersten Romans. (Bild: Michel Canonica)

Der «Pascha aus Urnäsch», wie Abdullah Dur seinen ersten Roman betitelt, macht um 1850 eine lange Reise von Urnäsch nach Tirebolu an der türkischen Schwarzmeerküste. Der Autor hat sie vor dreissig Jahren in umgekehrter Richtung gemacht. Als junger Mann ist Dur der Liebe wegen in die Schweiz gekommen und geblieben. Schreiben wollte er schon immer, hat aber auf Druck des Vaters Betriebswirtschaft studiert, obwohl ihm Zahlen gar nicht liegen. Viele Jahre hat er von der Schweiz aus Kolumnen in türkischen Zeitungen verfasst.

Dur hat lange recherchiert und drei Jahre an seinem Buch gearbeitet. «Ich verstehe mich als Geschichtensammler», sagt der 54-jährige Türke. «Und die Geschichte von Ueli Kurt, der vom Appenzellerland in die Türkei auswandert und dort ein angesehener Mann wird, ist ein Stück weit auch meine Geschichte.»

Der Autor liebt das Appenzellerland

Im Gespräch wirkt Dur ruhig, besonnen, ja fast von stiller Heiterkeit. Mit seinem Buch über den Schreiner, der immer auch Künstler sein wollte und auf abenteuerliche Weise in den Orient gelangt, wolle er dem Leser einfach Freude machen. Der solle mitträumen, sich in der Geschichte verlieren und das Buch mit einem positiven Gefühl weglegen. Das gelingt dem Autor.

Abdullah Dur mag das Appenzellerland, seine Berge und Menschen, denen er einen speziellen Humor attestiert. Die Geschichten von dort hat er in grosser Fülle gesammelt und erzählt sie im Buch ebenso üppig und deutlich als Liebeserklärung an diese Gegend. In seinem Heimatort Tirebolu sei die Landschaft ähnlich wie im Appenzellerland, grün und harmonisch. Immer wieder zieht Abdullah Dur die Fäden zwischen hier und dort. Und erzählt von seinem Besuch des Urnäscher Brauchtummuseums. «Dort findet man dieselben landwirtschaftlichen Gerätschaften aus Holz wie in der Türkei. Nur sind die Appenzeller Arbeiten viel kunstvoller ausgeschmückt.»

Eine farbige Bilderwelt, als sei man mittendrin

Beim Schreiben auf Türkisch habe er auf Deutsch gedacht und auch irgendwie mit Schweizer Mentalität. 2017 ist das Buch in Istanbul erschienen. Dass es jetzt in die Sprache seiner Schweizer Heimat übersetzt wurde, empfindet Dur als besonderes Geschenk. «Das motiviert mich für meinen nächsten Roman.» Das Appenzellerland im 19. Jahrhundert, die Armut, die Enge, das harte Leben, die inzestuösen Beziehungen, ein katastrophaler Dorfbrand, die kranke Tochter des hochbegabten Holzschnitzers Ueli Kurt: Abdullah Dur zieht den Leser mit intensiven, farbigen Bildern in eine historische Welt, mit einem Schreibfluss, als sei er selbst mittendrin gewesen. Es ist bewusst keine komplexe Literatur, dafür ein spannendes Buch, in dem man immer weiterlesen will.

Über Politik spricht er nicht gerne

In der Türkei warfen Kritiker Dur vor, er verherrliche das Christentum. Er tut das natürlich nicht. Dagegen beschreibt er, wie Ueli Kurt nach einer langen Odyssee über Frankreich und das Mittelmeer in Tirebolu strandet und grosse Toleranz erlebt, auch religiöse. Über die politische Situation in der heutigen Türkei will Dur kaum Worte verlieren. «Toleranz muss man pflegen und fördern. Der radikale Islam schliesst mehr zu als dass er öffnet. Das ist keine gute Entwicklung.» Da könne die heutige Türkei von der Schweiz einiges lernen.

Die Geschichte des Urnäschers Ueli Kurt ist auch die Geschichte einer gelungenen Integration. Schnell erwirbt sich der Appenzeller am Schwarzen Meer Anerkennung, beruflich und als Mensch. Und wird am Ende ein Pascha, also ein reicher Mann mit Einfluss. Die Erzählung, sprachlich vor allem gegen Ende fast wie ein orientalisches Märchen für Erwachsene gehalten, spiegelt auch die gelungene Integration des Autors in der Ostschweiz wider:

«Integration fällt nicht vom Himmel, um Integration muss man sich selbst bemühen.»

Er ist heute an der St. Galler Klinik Stephanshorn dafür verantwortlich, dass alle Instrumente und Geräte keimfrei sind. Als Leiter der Sterilisation hat er sieben Mitarbeitende unter sich. Seine Arbeit heisse auch Disziplin. Und wenn er über sich und das Schreiben erzählt, merkt man ihm an, dass ihm diese typische Schweizer Eigenschaft durchaus nahe ist.

Leben mit Hasen und Hühnern

Seine Geschichte ist ein dichtes Buch, das sich aber leicht und unbeschwert liest. «Ich selbst habe manchmal Mühe mit Büchern, auch von grossen Autoren, die man nach dreissig Seiten wieder weglegt. Ich möchte verstehen, was ich lese.»

Abdullah Dur hat drei Kinder und lebt heute mit seiner zweiten Ehefrau, einer Hebamme, im Osten St. Gallens. Mit Hühnern, Hasen und einem Gemüsegarten ist er fast Selbstversorger. Fürs Schreiben bleibt ihm im anstrengenden Berufsalltag wenig Zeit. Er erholt sich gerne bei der Gartenarbeit und beim Kochen. Und sammelt alte Uhren. 300 Stück besitzt er. Und pflegt damit ein Hobby, das den Türken wiederum eher wie einen Schweizer wirken lässt. Dieser Einschätzung stimmt Abdullah Dur gerne zu.

Abdullah Dur: Der Pascha aus Urnäsch. 360 S., Fr. 38.-; Lesung: Fr, 5.4., 19.30 Uhr, Volksbibliothek, Appenzell

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