Urchig gegen den Tiroler Stil

Warum gilt Jodeln als typischer Schweizer Gesang? Vor dem Nordostschweizerischen Jodlerfest werfen wir mit dem Musikethnologen Dieter Ringli einen Blick in die Geschichte des Jodelns. Diese ist stark vom Nationalismus geprägt.

Hansruedi Kugler
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Dieter Ringli Musikethnologe, Dozent in Zürich und Luzern (Bild: Hansruedi Kugler)

Dieter Ringli Musikethnologe, Dozent in Zürich und Luzern (Bild: Hansruedi Kugler)

An einem schönen Morgen im Jahr 1879 steigt der amerikanische Schriftsteller Mark Twain zur Rigi hoch. Schnell ist er begeistert vom «berühmten Alpenjodeln» der Jodlerbuben, die für die Touristen singen. Dem ersten gibt er einen Franken, dem zweiten 50 Rappen. Bald aber werden sie ihm zu aufdringlich: «Für den Rest des Tages erkauften wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit einem Franken per Kopf.» Ein Jahr später erscheint sein berühmtes Reisebuch über Europa. Und dort lautet sein Résumé: «There is too much jodeling in the Alps.» Das Jodeln sei «jenes Gemisch aus Bariton und Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen», schreibt Mark Twain weiter. Im 19. Jahrhundert war nämlich das Wort «jodeln» gleichbedeutend mit dem Tiroler Stil. Schon Goethe hatte die herumreisenden Tiroler gehört und geschätzt, «obgleich ich das beliebte Jodeln nur im Freyen erträglich finde», schreibt er 1828.

Gegen das Deutschtum

Dieter Ringli Musikethnologe, Dozent in Zürich und Luzern (Bild: Hansruedi Kugler)

Dieter Ringli Musikethnologe, Dozent in Zürich und Luzern (Bild: Hansruedi Kugler)

Das Jodeln also eine österreichische Erfindung? Keineswegs: «Gejodelt wurde im ganzen Alpenraum, aber in jeder Region anders», sagt der Zürcher Musikethnologe Dieter Ringli. Er hat die Geschichte der Schweizer Volksmusik untersucht und 2006 ein Standardwerk dazu vorgelegt. Seine Erkenntnisse sind verblüffend: Der Tiroler Stil war wegen seiner spektakulären Tonsprünge und seiner Geschwindigkeit im 19. Jahrhundert eine Variété-Attraktion geworden – in Europas Hauptstädten und sogar in den USA. Es war reine Stimmakrobatik, eine musikalische Zirkusnummer.

So wurde denn auch der Eidgenössische Jodlerverband unter anderem gegründet, um den Tiroler Stil zurückzudrängen und den «ächten, urchigen» Naturjodel zu fördern. Dies im Rahmen einer nationalkonservativen Bewegung. In Europa blühte der Nationalismus: 1891 wurde zum erstenmal der 1. August als Schweizer Nationalfeiertag gefeiert, 1895 schlossen sich die Schwinger zum eidgenössischen Verband zusammen und 1926 die Trachtenvereinigung.

Politische Einigkeit beschwört

1910 formierte sich der Eidgenössische Jodlerverband. Sein Ziel: Das Schweizer Brauchtum wie Jodeln, Alphornspielen und Fahnenschwingen zu beleben – und ein Nationalgefühl zu kreieren: in der romantischen Projektion des Landlebens. «Dies auch als Gegengewicht zum verbreiteten Deutschtum in der städtischen Oberschicht», sagt Dieter Ringli. Die damaligen Liederbücher waren voll mit hochdeutschen Texten.

In den Jodelklubs hingegen – die ersten wurden in Zürich, Bern, Luzern und Basel gegründet – sang man Schweizerdeutsch. Mit ähnlich nationalistischer Zielsetzung hatten hundert Jahre zuvor Berner Adlige 1805 das erste Unspunnenfest organisiert. Dessen Zweck war es nicht nur, «die alten einfachen Sitten und Freuden unserer Väter wieder unter uns aufleben und fortdauern zu lassen». Nach dem Abzug der napoleonischen Truppen auch die Zusammengehörigkeit der «Hirtenvölker Helvetiens» und die Einigkeit von Stadt und Land zu beschwören. Durchaus mit aktuellem Anlass, denn im Berner Oberland drohte ein Bauernaufstand.

Der touristische Erfolg war enorm. Rund 5000 Besucher strömten zum zweiten Unspunnenfest 1808. Kurz danach brachen im Oberland heftige Unruhen aus. Es dauerte fast hundert Jahre bis zum nächsten Unspunnenfest 1905.

Kuhreihen als Ursprung?

Wo liegt aber nun der Ursprung des schweizerischen Jodels? Vielleicht doch im legendären Kuhreihen, der den Schweizer Söldnern in fremden Heeren angeblich bei Todesstrafe zu singen verboten war, weil er in lähmende Melancholie führte? Viele Forscher hätten diesen Kuhreihen gesucht, gefunden habe ihn aber keiner, sagt Dieter Ringli.

Dennoch: Die heutigen Naturjodel, Rugguseli oder Juz seien wohl vom Zuruf an die Kühe geprägt. Ihnen gemeinsam ist der schnelle Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Das Jodellied hingegen sei eine relativ junge Erscheinung, sagt Ringli. Was um 1900 gesungen wurde, wisse man nicht. Die ersten Lieder sind 1913 dokumentiert, als der Berner Beamte Oskar Friedrich Schmalz, einer der Mitgründer des Jodlerverbands, einen ersten Band seiner Jodelchorlieder herausgab.

Bleibt noch die Frage, was Mark Twain über das kommende Nordostschweizerische Jodlerfest schreiben würde: Wahrscheinlich hätte er Freude – denn Tiroler Triller würden ihn nicht nerven und von jodelnden Bettlerbuben würde er mit Sicherheit auch nicht bedrängt.

Vaterländischer Aufmarsch am Jodlerverbandstag vom 23. und 24. August 1924 in Basel. (Bild: Eidgenössischer Jodlerverband)

Vaterländischer Aufmarsch am Jodlerverbandstag vom 23. und 24. August 1924 in Basel. (Bild: Eidgenössischer Jodlerverband)