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URAUFFÜHRUNG: Sprache auf Messers Schneide

Der St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder gelingt mit «Alles trennt» ein spannendes Kammerspiel in der Kellerbühne. Darin seziert sie eine Mutter-Tochter-Abhängigkeit.
Martin Preisser
Gefährliche Symbiose: Doris Strütt als Mutter und Judith Koch als Tochter. (Bild: Urs Bucher)

Gefährliche Symbiose: Doris Strütt als Mutter und Judith Koch als Tochter. (Bild: Urs Bucher)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

«Asphalt sollte kirschrot sein», sagt die Mutter. «Jemand wartet auf Dich», zitiert die Tochter den Werbeslogan eines Datingportals. Einige immer genau platzierte Originalwerbespots sind es, welche die kurzen, staccatohaften und oft an SMS-Schnelligkeit erinnernden Dialoge mit einem Schuss Humor aufpeppen.

«Alles trennt», das neue Theaterstück der St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder, fesselt mit Kompaktheit. Getrennt werden hier nicht nur Flaschen der Alkoholikerin Renata, getrennt bleiben auch die Akteure, obwohl sie sich immer wieder durch die Sprache der Nähe ihres Gegenübers vergewissern möchten.

Unterhaltsamer und doch eindringlicher Theatertext

Leicht und wie ein Wort-Pingpong im Sekundentakt kommt der Theatertext daher. Hierbei gelingt es Rebecca C. Schnyder aber immer wieder, hinter beiläufigen Versatzstücken von normaler Alltagskommunikation das Abgründige, aber auch das Eindringliche herauszuschälen.

«Alles trennt» ist also viel mehr als die übliche Mutter-Tochter-Konstellation, die ein neuer Freund stört und aus der starren Ordnung bringt. Denn Schnyders Sprache ist zwar luftig, zugleich aber auf Messers Schneide, sie drängt dicht vorwärts. Oft so, als hinterfrage die Autorin die Banalität der Sprache, auf der Suche nach dem Abgründigen zwischen den Zeilen.

Doris Strütt als alkoholkranke Mutter und Judith Koch als ihre Tochter Lina überzeugen durch intensive Nähe. Die Symbiose, die tödlich endet, wird aber immer auch mit zarter Behutsamkeit gespielt. So als wären alle aufmerksam dem auf der Spur, was da auch theatersprachlich passiert. Romeo Meyer als Leo, der das Abhängigkeitsverhältnis von Mutter und Tochter aus dem Lot bringt, überzeugt in seiner Rolle als leicht linkischer junger Mann, der von der Sprache Linas immer wieder etwas hilflos überrascht wirkt. Bei aller Abgründigkeit der raschen Dialoge ist das Stück in einer Art stillen Leichtigkeit inszeniert, was die Kraft der Sprache nur untermauert (Regie: Stefan Camenzind).

Und man erlebt bei «Alles trennt» ein Bühnenbild, das einen oft schmunzeln lässt. Angelica Paz Soldan hat in der Wohnung von Renata und Lina ein zusätzliches Puppenhaus gebaut, zweistöckig und nur mit eingezogenem Kopf betretbar. Wände werden hier immer wieder auf- und abgebaut. Die Konstruktion unterstreicht auf sublime Art eine weitere Lesart des Theaterstücks: die Suche nach dem inneren Kind. Klara heisst es als eine Art Alter Ego von Lina. Es ist die imaginäre Frauenfigur, die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebt. Die von den Protagonisten genau und engagiert gestalteten Dialoge unterbricht Rebecca C. Schnyder immer wieder mit Rückblenden, in denen sie vorangegangene Kernsätze nochmals neu und immer in leicht grotesker Kombination zusammensetzt. Eine gelungene Strategie, um diesen dramaturgisch genauen Cocktail aus Alltags- und Werbesprache zusätzlich zu würzen.

Fr, 15.9., und Sa, 16.9., je 20 Uhr, Kellerbühne, St. Gallen

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