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URAUFFÜHRUNG: Fertig gefeiert

Anne-Sophie Mahler inszeniert «Alla fine del mare» am Theater Konstanz. Sie stellt Oper neben Schauspiel, Enzensberger neben Fellini, Drastik neben Poesie. So also klingt das Ende der Welt.
Dieter Langhart
Sopran auf Stöckelschuhen: Yuka Yanagihara zwischen Sylvana Schneider und Johanna Link. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Sopran auf Stöckelschuhen: Yuka Yanagihara zwischen Sylvana Schneider und Johanna Link. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

«Caro Federico, hat Ihnen das Stück gefallen?» Und hätte Fellini «Alla fine del mare» am Theater Konstanz gesehen, hätte er gelacht und gesagt: «Sie haben nur den Titel geändert.» Aus «E la nave va» hat Anne-Sophie Mahler «Alla fine del mare» gemacht. Natürlich hat sie nicht die Groteske des italienischen Filmregisseurs auf der Bühne nachgestellt, sie hat für ihre Inszenierung lediglich einige Motive aufgenommen. Und reitet weiter auf den Wellen Flüchtlinge, Furcht, Nationalismus.

Wie Fellini 1983 gelingt Anne-Sophie Mahler der Spagat zwischen Spass und Ernst. Hier erklingt keine Glasmusik in der Schiffsküche, hier überlebt kein liebeskrankes Nashorn – hier, am Ende des Meeres, ist das Nichts.

Verdammt dazu, einander nicht zu verstehen

Freitag im Stadttheater, Uraufführung. Ein volles Haus lacht beim Grellen und Possenhaften, und es ermüdet beim Dialektischen und Diskurshaften. Auch wenn das Stück genau so lang ist wie der Film: zwei Stunden. Dichte Stunden – die an Mar­tha­ler und Schlingensief geschulte Regisseurin macht es dem Publikum nicht leicht. Sie bleibt ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Oper und Schauspiel treu und arbeitet intensiv mit Gegensätzen.

Anne-Sophie Mahler zeigt die westliche Gesellschaft als einen dekadenten Opernchor, der nur noch über den Gesang zu kommunizieren vermag (Leitung: Frédéric Bolli). Schrill die Kostüme zwischen Hollywood und Commedia dell’arte, die Masken noch schräger als am Karneval in Venedig (Kostüme: Nic Tillein). Des Chors strahlende Mitte ist die Sopranistin (Yuka Yanigahara), grandios und ganz in Weiss. Unter Krinoline und Nerz trägt sie Plateauschuhe und feinste Lingerie, ebenfalls ganz in Weiss.

Auf den Chor lässt Mahler die Geflohenen, also die Fremden prallen, die nicht singen können, nur sprechen. Sie treten nicht als dumpfe, bedrohliche Gruppe auf wie die serbischen Bootsflüchtlinge bei Fellini; sie sind die Diener auf einem wankenden Schiff, begleitet vom dumpfen Stampfen der Motoren tief unter ihnen.

Lächelndes Schweigen und ein volles Boot

Einer von ihnen (Peter Posniak) serviert nicht nur Torten. Er radebrecht mit der Sopranistin, erzählt von seiner Flucht und dass er hofft, bleiben zu können. Und sie? Sie lächelt nur und nickt und schweigt. Und der Chor reisst ihm die Kleider vom Leib, nackt und verletzlich kauert er auf der Bühne. Wieder ist da die Stimme aus dem Off: «Das Boot ist voll. Es kann nicht alle mitnehmen. Wir wünschen eine angenehme Weiterreise.» Und die Sopranistin singt von der Liebe der kranken Violetta zu ihrem Alfredo.

Geschickt verwendet Anne-Sophie Mahler Teile aus Giuseppe Verdis Oper «La traviata», um eine ausgehöhlte, sinnentleerte Gesellschaft zu zeigen. Musikalisch belegt sie auch den Wandel von einer das Leben feiernden zu einer dem Untergang geweihten Gesellschaft mit Passagen aus Verdis «Messa da requiem» und aus dem Postlude von Igor Strawinskys «Requiem Canticles».

Anspielung auf den ­Untergang der Titanic

Ausdrucksstark begleitet der musikalische Leiter Stefan Wirth Gesang und Tänze am Klavier. Und kurz vor Ende des Stücks spielt er Luigi Nonos beklemmendes Stück «…sofferte onde serene…» für Klavier und Tonband aus dem Jahre 1976: «durchlittene Wellen heitere». Da hat bereits ein Eisberg an die Titanic erinnert, da haben Sylvana Schneider und Johanna Link bereits Hans Magnus Enzensbergers Text «Innere Sicherheit» deklamiert, da sind die Motoren verstummt.

Nun sinkt das Schiff. Rettungsboote werden gewassert, Schreie sind zu hören, die Sopranistin wankt über die Bühne, hält sich die Ohren zu. Sie geht ab, der Chor kehrt zurück, der Pianist hört auf zu spielen, die Motoren rumoren wieder. Brandender Applaus. Und Maestro Fellini sagt: «Anne-Sophie Mahler hat das Ende der Welt sehr gut erzählt.»

Weitere Vorstellungen bis 16. 6.

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