URAUFFÜHRUNG: «Das ist klug, das wird gut»

Mit der Oper «Annas Maske» steht dem Theater St. Gallen heute ein seltenes Ereignis bevor. Am Dirigentenpult steht Otto Tausk, der St. Gallen im Sommer 2018 verlassen wird. Sein Ziel: Vancouver.

Rolf App
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Chefdirigent Otto Tausk über seine Arbeit in St. Gallen: «Sechs Jahre sind eine gute Zeit.» (Bild: Michel Canonica)

Chefdirigent Otto Tausk über seine Arbeit in St. Gallen: «Sechs Jahre sind eine gute Zeit.» (Bild: Michel Canonica)

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@tagblatt.ch

Die Proben sind intensiv, das Stück mit anderthalb Stunden überblickbar kurz. Aber von besonderer Art. Denn wenn David Philip Heftis Oper «Annas Maske» heute zum ersten Mal erklingt, dann wird dies das erste Mal sein. Stattfinden wird das ­Ereignis an passendem Ort, am Theater St. Gallen. Anna Sutter, deren wahre Geschichte jener Novelle zu Grunde liegt, die der Schriftsteller Alain Claude Sulzer zum Libretto umgearbeitet hat, war eine Ostschweizerin. 1871 in Wil geboren, wurde sie in Stuttgart zur gefeierten, aber wegen ihres Liebeslebens auch berüchtigten Sängerin; ihre Paraderolle, Bizets «Carmen», wirkt wie eine Vorahnung ihres Endes. Weil nämlich der in sie hoffnungslos verliebte Dirigent Aloys Obrist in einer Aufwallung von Eifersucht zuerst sie, dann sich selber erschossen hat. Als Anna Sutter 1910 mit nur gerade 38 Jahren zu Grabe getragen wurde, war der Publikumsaufmarsch enorm.

Kleine Besetzung, durchsichtiger Klang

Komponiert hat die Oper David Philip Hefti, Inszenierung und Ausstattung liegen in der Hand von Mirella Weingarten. Die Hauptrollen singen Maria Riccarda Wesseling und Daniel Brenna. Am Dirigentenpult steht Otto Tausk, Chefdirigent des Sinfonieorchesters, der bei unserem Gespräch wenige Tage vor der Uraufführung einen gewohnt munteren Eindruck macht. Tausk ist in Aufbruchsstimmung, nicht nur wegen «Annas Maske». Sondern auch, weil er St. Gallen, wo er dann sechs Jahre Chefdirigent gewesen sein wird, im Sommer 2018 verlässt, um im kanadischen Vancouver eine neue Aufgabe zu übernehmen. Auch darüber reden wir noch.

«David Philip Hefti hat eine ausserordentlich klare und genaue Partitur abgeliefert», sagt Tausk. «Das Orchester weiss genau, was es machen muss, auch wenn es mit neuen Noten und ungewohnten Techniken konfrontiert ist.» Er habe die Arbeit an «Annas Maske» als einen «sehr spannenden Prozess» erlebt: «Wir haben schon einige Bühnen-Orchester-Proben durchgeführt, mit Solisten, Chor und Orchester. Alles hat gut funktioniert. Wir haben unglaublich gute Sänger, von denen die Partitur viel verlangt.» Zum Beispiel dann, wenn das Orchester nur einen Klang oder eine Farbe erzeugt und ein Sänger daran anknüpfen muss. «Das machen sie super.»

«Annas Maske» sei «eine sehr farbenreiche Oper, mit sehr dramatischen Momenten – es ist schliesslich auch eine dramatische Geschichte». Im nicht allzu grossen Orchester spielt das Schlagzeug eine wichtige Rolle. «Durch die kleine Besetzung entsteht ein durchsichtiger Klang, das ist klug. Das wird gut.» Am Ende der kommenden Saison verlässt Otto Tausk die Ostschweiz und «sein» Orchester, und er tut es mit guten Gefühlen. «Wir haben noch immer eine schöne Zeit. Wir inspirieren einander, und man sollte nicht warten, bis sich das verändert. Es ist gut, auf dem Höhepunkt aufzuhören. Auch für das Orchester kann es gut sein, neue Impulse zu bekommen. Sechs Jahre sind eine gute Zeit. Auch wenn es weh tut, mich von St. Gallen verabschieden zu müssen.»

«In Vancouver kann ich jeden Tag Sushi essen»

Ausserdem traf gerade im rechten Moment das Angebot aus Vancouver ein, einer Millionenstadt an der Westküste Kanadas. Da gibt es «ein supertolles Orchester», das Vancouver Symphony Orchestra, erzählt er. Vancouver sei eine sehr schöne Stadt, direkt am Meer gelegen, mit den Bergen ganz in der Nähe. Und gutem Essen: «Es gibt viel Sushi. Das heisst: Ich kann jeden Tag Sushi essen.»

Mit dem Sinfonieorchester habe er sich von Anfang an wohl gefühlt, erzählt Tausk. «Ich habe gespürt, dass es gerne hart arbeiten will.» Aber gelockt haben ihn auch die grösseren Dimensionen: Der Saal, in dem dieses Orchester spielt, fasst 2700 Zuhörer und nicht 800 wie die Tonhalle St. Gallen. Das heisst, Tausk kann dort Stücke dirigieren, mit denen er in der Tonhalle leicht an Grenzen stösst. «Die Bruckner-Sinfonien zum Beispiel. Oder Mahlers Werke. Oder Richard Strauss. Wir sprechen sogar über Oper, zunächst konzertant.»

Ausserdem wird er mehr sein als ein Chefdirigent, nämlich musikalischer Direktor. «Das heisst, ich zeichne für die ganze Programmgestaltung verantwortlich, lade Gastdirigenten und Solisten ein, plane Festivals, die es auch gibt. Grosse Namen werden kommen.» Hat er schon an Valery Gergiev gedacht, seinen Lehrmeister aus Rotterdam, der ihn auch einmal in St. Gallen besucht hat? «Woher wissen Sie das?», sagt Tausk und lacht.

Einen Nachteil hat die schöne Stadt in Kanada freilich: Sie liegt weiter weg von seiner holländischen Heimat als die Schweiz. Aber, sagt Tausk, «neun Stunden Flug, direkt von Amsterdam, das geht. Ausserdem kann ich vieles von zu Hause aus machen, schon jetzt habe ich jede Woche eine Konferenz via Skype. In Vancouver werde ich im Jahr nur etwa zwölf oder dreizehn Wochen verbringen.» Und schliesslich: Wenn Ferien sind, reisen ihm seine Frau und die beiden Kinder nach. «Zum Sommerfestival werden sie mitkommen, da haben wir ein schönes Haus in den Bergen.»

Heute Sa, 19.30 Uhr, Theater St. Gallen. Weitere Aufführungen 9., 17., 19., 23., 28. Mai und 3. Juni