Unwahrscheinlichkeitswelt

«Die Uhr im Bauch» nennt der Künstler Jens Nielsen seine gut einstündige Performance aus dadaistischen Non- und Make-sense-Ereignissen. Ein kleines, sehr komisches Lachtheater.

Brigitte Schmid-Gugler
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Man weiss nicht recht, ob dieser Typ, also diese Figur da vorne direkt aus dem Cabaret Voltaire kommt oder auf Urlaub ist, also Urlaub vom Sanatorium, wo er sich zwecks Heilung von einer noch nicht diagnostizierten, vielleicht überhaupt gar nicht zu diagnostizierenden Krankheit erholt. Aber vielleicht ist er einfach nur ein bisschen gaga Dada. Ein Zweifler an allem, am Lauf der Dinge, an Notwendigkeit und Zufall, am Wort und seiner Deutbarkeit. Aus dem Hebel wird ein Hegel, von dem aus der Eingang ins Labyrinth irrlichternder Hypothesen führt.

Dazu passt, dass er noch vor Beginn seiner traumwandlerischen Wanderung durch die Unbill seines Tages dazu auffordert, die im Mittelgang neben dem Stuhl stehende Handtasche doch bitte zu entfernen, weil nämlich sogleich ein Sandufer den Stuhlreihen entlang rieseln würde. «Sandufer» – hat er das wirklich gesagt? Oder meinte er «Sanduhr»? Bei Jens Nielsen kann es beides sein, so, wie jede erdenkliche Silbe in einer Art Möglichkeitszentrifuge den Mund verlässt und ein hieroglyphisch-rätselhaftes Eigenleben entwickelt.

Durch besagten Mittelgang sind Nylonschnüre bis auf die Bühne gespannt. Wie eine Wäscheleine ohne Wäsche. Dafür mit Klammern und Rädchen und Fleischerhaken und Dingen, die daran baumeln. Die Sandufer-Sanduhr gleitet sanft rieselnd nach unten. Sie hinterlässt nicht gerade einen breiten Strand, aber vorne, wo sie anhält, einen kleinen, spitzen, weissen Mini-Kilimandscharo.

Schleudertrauma . . .

Der Berg wächst wie die Zeit verrinnt. Jens Nielsen alias Unbeholfenheit stolpert bereits bei der Unberechenbarkeit des Augenblicks. Er bremst die Sekunde so sehr aus, dass der Makrokosmos ihres Inhalts wie in Zeitlupe vergeht, sich aufbläst und den Betrachter in ganz ungewöhnliche Situationen katapultiert.

In den Lesesaal einer Spital-bibliothek, wo er sich in alten Magazinen vertieft und den 5-Punkte-Säuglingstest aus den 60er-Jahren an sich selber ausprobiert,

eine konsternierte Medizinstudentin mit seinen Fragen, die er gemeint hatte, stellen zu wollen konfrontiert und sich dann selber fragen muss, weshalb die ihm eine Adresse eines seinen Zustand angemessen zu behandeln wissenden Arztes in die Hand drückt. Vielleicht wegen Blut an der Hose, die nicht, wie er behauptet, von einem türkischen Gericht stammt, dessen rotfarbenes Beigemüse eigentlich in seinen Magen gehörte. Der Biss ist von Hund und Hund ist von Mann und Mann ist aus U-Bahn und U-Bahn ist gefährlich.

. . . und Kopfsalat

Jens Nielsens Mann mit ganz aussergewöhnlichen Eigenschaften verunglückt mit seinen Versuchen, die Welt und deren zwischenmenschliche Zusammenhänge zu begreifen, so gewaltig wie der Mann in der U-Bahn, der zwischen die Türen kommt. Seine Annäherungsversuche an die Bewältigung des Alltags werden zwischen dem Zwang zur Hypothese eingeklemmt wie das Bein des Fahrgastes.

Die Schieflage zieht sich den gespannten Schnüren entlang, lässt Schuhlöffel heran und Wortschilder davongaukeln. Und der zerzauste Kopfsalat hängt wie der Salat im Kopf von der Decke; das Weinglas wie der Teil eines Fallenbildes von Daniel Spörri an der Wand. Gaga. Die Erzähl-Installation des 1966 in Aarau geborenen Schauspielers und Autors des Buches «Alles wird wie niemand sein» kann gewiss als absurdes Theater durchgehen, und es beliebt zu vermuten, er kenne auch jenen Dadaisten Johannes Baader,

der einmal schrieb: «Ein Dadaist ist ein Mensch, der das Leben in allen seinen unübersehbaren Gestalten liebt und der weiss und sagt: Nicht allein hier, sondern auch da, da, da ist die Welt.» Da wäre wohl auch die phantastische Welt des Jens Nielsen.

Nächste und letzte Vorstellung: Heute Fr, Kellerbühne 20 Uhr

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