Unverstellt brillant: Zum 70. Geburtstag von Schauspielerin Meryl Streep

Meryl Streep wird 70. Grund für eine Hymne auf eine grossartige Schauspielerin, die sich als Teamplayer und Familienmensch nie vom Ruhm hat vereinnahmen lassen.

Regina Grüter
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Eine Ikone, aber keine Diva: Meryl Streep feiret heute ihren 70. Geburtstag. (KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER)

Eine Ikone, aber keine Diva: Meryl Streep feiret heute ihren 70. Geburtstag. (KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER)

Wie kommt es, dass man noch nie jemanden ein schlechtes Wort über Meryl Streep hat reden hören? Die Frau eckt nicht an, spaltet nicht die Meinungen (okay, Donald Trump findet, Meryl Streep werde gewaltig überschätzt). Im Gegenteil hört man die Leute dann eher noch ­sagen:

«Der Film war zwar nicht besonders, aber die Streep, die war gut.»

Langweilig ist sie eben auch nicht. Alle interessieren sich für Meryl Streep.

Keine Award-Show ohne sie

Wir nehmen den heutigen 70. Geburtstag der US-amerikanischen Schauspielerin zum ­Anlass, um über eine Frau nachzudenken, die seit nunmehr 40 Jahren praktisch zu jeder Hollywood-Award-Show gehört. Ohne Moderator geht schon, aber ohne Meryl Streep, no way! 21-mal war sie für einen Oscar nominiert, 30-mal für einen Golden Globe – so oft wie sonst niemand.

Gewonnen hat sie den Oscar «erst» dreimal: erstmals für ihre Nebenrolle an der Seite von Dustin Hoffman im Scheidungsdrama «Kramer vs. Kramer», letztmals für ihre Margaret Thatcher in «The Iron Lady»:

(Bild: Keystone)

(Bild: Keystone)

Den ersten Hauptrollen-Oscar bekam sie 1983 für ihre zutiefst bewegende Darbietung der ehemaligen KZ-Insassin in «Sophie’s Choice». Aber das geht schon in Ordnung für Meryl Streep. So gelassen wie sie sitzt sonst jeweils keine der Mitnominierten im Publikum.

Hollywoodikone, aber null Diva

Meryl Streep gilt als Hollywoodikone, hat aber nichts von einer Diva. Dass sie derart respektiert und bewundert wird, von Kollegen, Kritikern und Zuschauern gleichermassen, liegt sicher zum Teil in diesem Widerspruch begründet: Sie hasst den roten Teppich und das ganze Tamtam um das Äussere, liebt aber ihre Kolleginnen und Kollegen, gibt sich stets bescheiden und humorvoll. Diese Gelassenheit musste sie erst lernen.

Heute braucht die Schauspielerin niemandem mehr etwas zu beweisen, auch sich selbst nicht. Was nichts daran ändert, dass sie sich auf jede Rolle akribisch vorbereitet, angetrieben von Neugierde und einer kleinen Portion Versagensangst.

Sicher, auch Meryl Streep durchlebte berufliche Tiefen, doch so richtig bergab ging es in ihrer Karriere nie. Sie hat in Meisterwerken wie Michael Ciminos «The Deer Hunter» an der Seite von Robert De Niro mitgewirkt, «Silkwood» von Mike Nichols oder «Out Of Africa» von Sidney Pollack. Nachdem es Anfang der Neunziger kurz ruhig um sie geworden war, wurde sie 1996 für die Rolle der verheirateten Geliebten in Clint Eastwoods «The Bridges Of Madison County» für einen Oscar nominiert, hat aber fortan vermehrt auch eher mittelmässigen Komödien wie «Couchgeflüster» oder «The Devil Wears Prada» ihren Stempel aufgedrückt.

Auch wenn man nicht mehr genau weiss, um was es in dem jeweiligen Film genau ging, an Meryl Streep erinnert man sich. Wieso ist das so? Katja Nicodemus hat das in einem der raren Interviews mit der Schauspielgrösse für die «Zeit» schön formuliert. Die deutsche Filmkritikerin und Journalistin spricht von einer «unhintergehbaren Meryl-Streepness»: Dadurch entstehe, bei aller darstellerischen Brillanz, eine kleine Distanz zur Rolle, die uns das Wesen oder die Essenz der Figur begreifen lasse.

Sie blieb sich und ihren Werten immer treu

Man kann von einer beruflichen Konstanz sprechen. Diese geht einher mit einer privaten. Seit ­ 40 Jahren ist Meryl Streep mit dem Bildhauer Don Gummer verheiratet. Sie haben vier gemeinsame erwachsene Kinder.

Meryl Streep mit ihrem Mann Don Gummer. (Bild: Keystone)

Meryl Streep mit ihrem Mann Don Gummer. (Bild: Keystone)

Mary Louise Streep, wie sie eigentlich heisst, ist in New Jersey geboren, aufgewachsen. Sie hat einen Master of Fine Arts der School of Drama der Universität Yale und soll eine hervorragende Studentin gewesen sein. Seit Beginn ihrer Karriere macht sie sich für politische Anliegen stark – für Frieden, Umweltanliegen und Gleichberechtigung. «Ich fühlte mich berufen. Ich war ein wahres Kind der 60er.»

Streep ist ein Vorbild und eine Vorreiterin für ihre Kolleginnen und Frauen im Allgemeinen und hat gezeigt, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen – und dass das eben auch gewisse ­Opfer erfordert: Für ihre Kinder habe sie vorübergehend auf Theaterengagements verzichtet, sagte sie 1998 gegenüber Harry Smith vom Fernsehsender CBS. 2014 bekam sie von Barack Obama die Freiheitsmedaille des Präsidenten überreicht, 2016 unterstützte sie die Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton und hielt mit ihrer Abneigung gegen deren Konkurrenten, der sich über einen behinderten Journalisten lustig machte, nicht hinterm Berg (der Grund, weshalb Donald Trump sie beschimpfte).

Meryl Streep (rechts) mit Ex-US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. (Bild: Keystone)

Meryl Streep (rechts) mit Ex-US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. (Bild: Keystone)

Auf die Frage von Smith, ob die Schauspielerei Kunst, ein Handwerk oder ein Job sei, antwortete sie: «Manchmal, wenn ich anderen zuschaue, übersteigt es für mich die Kunst.» Und wie ist es für sie selber? «Im besten Fall wie Fliegen.» Happy Birthday, Meryl Streep, flieg weiter!

Derzeit ist Meryl Streep als resolute Schwieger- und Grossmutter in der zweiten Staffel der HBO-Miniserie «Big Little Lies» zu sehen (auch auf RTS).

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