UNTITLED: Von nichts geleitet als der Neugier

Filmemacher Michael Glawogger brach mit kleinem Team zu einer Reise um die Welt auf. Doch nach wenigen Monaten starb er in Liberia an Malaria. Monika Willi hat aus dem bis dahin gedrehten Material einen Bilderfluss montiert.

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Hinter Schilf sieht man in der ersten Einstellung das in Neonfarben leuchtende Schild eines «Hotels Eden». Als eine Suche nach dem Paradies kann man diesen letzten Film von Michael Glawogger auch sehen, denn Bilder von grosser Schönheit haben der gebürtige Grazer und sein Kameramann Attila Boa auf ihrer Reise eingefangen, aber auch Bilder der Zerstörung und des Elends.

Nicht chronologisch zeichnet Monika Willi in ihrer Montage des rund 70-stündigen Filmmaterials die Reise nach, auf Einblendungen zu den jeweiligen Orten wird verzichtet. Wie der gewaltige Vogelschwarm, der am Beginn auffliegt und mal hierhin, mal dorthin schwenkt und Kreise am Himmel zieht, mäandert auch «Untitled», springt von der afrikanischen Wüste in vom Krieg zerstörte Regionen am Balkan und wieder zurück. Findet in Afrika ebenso einen Esel, der auf der Ladefläche eines Pick-ups transportiert wird, wie im Balkan ein Schaf auf dem Anhänger eines Traktors.

Geografischer und zeitlicher Ordnung enthoben

Bewegung entwickelt «Untitled» aber nicht nur durch das Pendeln zwischen Europa und Afrika, sondern durch die Fülle der Bilder der Bewegung: von vorbeirasenden LKW über einen schier endlosen, durch die mauretanische Wüste fahrenden Güterzug bis zu einem Mädchen auf dem Schulweg. Und bewegen sich die Menschen oder Objekte einmal nicht, so fährt vielfach die Kamera in Ex-Jugoslawien an zerstörten Häusern entlang, erkundet ein gewaltiges Müllfeld in Afrika, das Frauen und Kinder nach Ver­wertbarem absuchen, oder folgt einem Fischerboot. Jeder zeitlichen und geografischen Ordnung ist «Untitled» enthoben, entwickelt einen regelrechten Mahlstrom der Bilder, auf den man sich einlassen, von dem man sich tragen lassen muss. Auf alle Erklärungen wird verzichtet, ausser einem Prediger kommen kaum Menschen zu Wort. Einzig von Birgit Minichmayr gelesene Auszüge aus dem Blog, den Glawogger während seiner Reise für den «Standard» und die «Süddeutsche Zeitung» schrieb, sowie eine immer wieder düstere und beunruhigende Stimmung evozierende Musik von Wolfgang Mitterer begleiten den Film.

Wie Glawogger beabsichtigte, ist «Untitled» in der rhythmischen Montage Monika Willis zu einem Film geworden, der sich von nichts als der Neugier auf das Unbekannte treiben lässt, der – im Gegensatz zu seinen früheren Filmen über Metropolen («Megacities»), körperliche Schwerarbeit und ihr Verschwinden in der westlichen Welt («Workingman’s Death») oder die Prostitution («Whores Glory») – sich auf kein Thema festmachen lässt, sondern frei dahinfliesst.

Die Neugier auf das Unbekannte

Dennoch ziehen sich Motive durch den Film, werden in Variation wiederholt. Quasi in Schleifen kehren Szenen mit kämpfenden Männern wieder oder Bilder von dem vom Krieg zerstörten Balkan, die ebenso wie die Nachricht eines drohenden Erdbebens oder einbeinige Afrikaner beim Fussballspiel Gedanken an Vergänglichkeit, Verfall und Tod ­aufkommen lassen. Nur der ­Endpunkt ist in diesem Film fix ­verankert, wird mit Harper im südlichsten Liberia benannt als der Ort, an dem man vielleicht verschwinden könnte, ohne dass eine Spur von jemandem zurückbleibt. Es war die letzte Station von Michael Glawoggers Reise. Hier bloggte er nochmals am 18. April 2014, vier Tage später starb er in der liberianischen Hauptstadt Monrovia im Alter von 54 Jahren an Malaria. Spuren hat er freilich hinterlassen – nicht nur mit diesem bildmächtigen Film.

Walter Gasperi

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

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