Unterstützung ja, Belohnung nein

Der amerikanische PEN-Club hat das französische Magazin «Charlie Hebdo» für den Mut ausgezeichnet, nach den Anschlägen weiterzuarbeiten. Namhafte Schriftsteller wie Michael Ondaatje kritisieren die Ehrung scharf.

Jens Schmitz/Washington
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Die jährliche Gala des amerikanischen PEN-Clubs ist normalerweise keine Bühne für grosse Konflikte. Für 1250 Dollar erhalten betuchte Gäste ein Drei-Gänge-Menu und das gute Gefühl, den Kampf für die Meinungsfreiheit zu fördern; für 17 500 Dollar können sie acht Freunde mitbringen und einen bekannten Autor an ihren Tisch verpflichten.

Am Dienstagabend (Ortszeit) aber war die Harmonie empfindlich gestört: Sechs Schriftsteller boykottierten die Veranstaltung im Naturhistorischen Museum in Manhattan. Denn das französische Satiremagazin «Charlie Hebdo» wurde auf der Veranstaltung mit einem Courage Award ausgezeichnet. Mehr als 200 weitere Autoren und PEN-Mitglieder haben sich dem Protest mit einem Brief angeschlossen.

Seit Wochen tobt ein Kampf um die Frage, was die Auszeichnung bedeutet. Michael Ondaatje, Peter Carey und vier andere prominente Autoren hatten ihre Teilnahme als Tischherren abgesagt, weil sie darin eine Belohnung für antiislamische Stimmungsmache und kulturelle Intoleranz erblickten. Kollegen wie Joyce Carol Oates und Michael Cunningham sahen das in einem offenen Brief ähnlich – für sie überschreitet die Ehrung die Linie zwischen «entschiedener Unterstützung des Rechts, inakzeptable Meinungen zu äussern, und der enthusiastischen Belohnung solcher Äusserungen».

Würdigung fürs Weitermachen

Der PEN-Club selbst wollte mit dem Preis den Mut würdigen, mit dem «Charlie Hebdo» nach dem 7. Januar dieses Jahres seine Arbeit fortgesetzt hat. Das französische Satiremagazin war nach dem Abdruck von Mohammed-Karikaturen von moslemischen Extremisten nach 2011 zum zweitenmal angegriffen worden; bei der Attacke kamen zwölf Menschen ums Leben.

Bei der Preisverleihung am Dienstag waren kaum Gegner zugegen. Viele Anwesende zeigten sich zwar skeptisch gegenüber der Qualität der «Hebdo»-Arbeiten. Das könne aber für den Preis keine Rolle spielen. Salman Rushdie, gegen den Iran 1989 einen Tötungsaufruf erlassen hatte, bezeichnete die Kritiker als Weggefährten der Extremisten. «Geschockt zu werden gehört zur demokratischen Debatte», sagte Chefredaktor Gerard Biard bei der Entgegennahme der Ehrung. «Erschossen zu werden nicht.»

Der Streit dreht sich längst nicht mehr nur um «Charlie Hebdo». In den vergangenen Wochen haben Intellektuelle gewarnt, dass der Westen bei seinem Ruf nach Toleranz und Meinungsfreiheit selbst rassistisch und religiös voreingenommen sei.

Frankreich beschneidet Freiheit

Der Journalist Glenn Greenwald etwa, der für seine NSA-Enthüllungen in Deutschland gerade mit dem Siebenpfeiffer-Preis ausgezeichnet wurde, unterstrich erneut, dass Frankreich unmittelbar nach der grossen Pariser Demonstration für Meinungsfreiheit damit begann, Menschen nach missliebigen Meinungsäusserungen festzunehmen und anzuklagen. Gleichzeitig wurden Zensurmassnahmen verschärft und Onlineauftritte blockiert.

«Fast niemand von denjenigen widersprach, die während der «Charlie Hebdo»-Woche so grossspurig als Fanatiker der Meinungsfreiheit herumstolziert waren», schreibt Greenwald unter Bezug auf die zahlreich anwesenden Staatsoberhäupter und Regierungschefs. Auch der einflussreiche Comedian Jon Stewart hat dieses Missverhältnis schon aufgespiesst. An der Kundgebung hatten zudem Regierungsvertreter aus Staaten wie Saudi-Arabien teilgenommen, wo wenige Tage zuvor die Auspeitschung eines Journalisten begonnen hatte.

Für den Fantasy-Autor Neil Gaiman sind solche Fragen zweitrangig. «Der <Charlie Hebdo> PEN Award ist eine Anerkennung für Mut», erklärte er der «New York Times» seine Entscheidung, für einen Tischherren einzuspringen. «Den Mut, 2011 nach dem Brandanschlag auf der Redaktion weiterzuarbeiten, den Mut, das Magazin nach den Morden weiter herauszubringen. Wenn wir das nicht anerkennen können, können wir genauso gut nach Hause gehen.»

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