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Unterschätzt die Briten nicht

Der Historiker Brendan Simms beschreibt, wie die Briten zu Europa stehen. Trotz Brexit ist er für die Zukunft nicht allzu pessimistisch. Nahrung für seine Zuversicht findet Simms in der Geschichte.
Rolf App
Die Briten sind tief gespalten im Streit um den Brexit. Und auch das Parlament weiss bislang nur, was es nicht will.

Die Briten sind tief gespalten im Streit um den Brexit. Und auch das Parlament weiss bislang nur, was es nicht will.

Jetzt, da der Brexit näher und näher rückt, und uns die Briten rätselhafter denn je erscheinen, machen sich auch die Journalisten auf, um Erklärungen für ihr Ausscheren aus Europa zu finden. Wenn möglich auf der Insel selber. Und so reist der Reporter der Sendung «Kulturzeit» nach Cambridge, zum Historiker Brendan Simms, der Ire von Geburt ist und dessen deutsche Mutter eine Brücke schlägt zu Europa. Auslöser des Interesses an Simms ist sein gerade auf deutsch erschienenes Buch über «Die Briten und Europa», das, wie schon sein Untertitel – «Tausend Jahre Konflikt und Kooperation» – klar macht, einen weiten Bogen spannt. Und mit einer Gegenthese zu jener Auffassung startet, die der französische Historiker Jules Michelet in den simplen Satz gekleidet hat: «England ist eine Insel.»

Denn was geografisch schwer zu bestreiten ist, das hält Simms für historisch wie politisch grundfalsch. «Meiner Ansicht nach ist die Geschichte Englands und später Grossbritanniens vornehmlich eine kontinentale Geschichte», schreibt er. «Ihr Verlauf wurde hauptsächlich durch die Beziehungen zum übrigen Europa geprägt und weniger durch diejenigen zur weiten Welt ausserhalb Europas.» Europa war, wie Winston Churchill es kurz vor dem Ersten Weltkrieg ausdrückte, der Weltteil, «wo das Wetter herkommt.»

Grossbritannien ist eine Bereicherung für Europa

Allerdings: Nicht nur hat Europa Grossbritannien geprägt, sondern umgekehrt Grossbritannien auch Europa. Das wird in den Auseinandersetzungen zwischen den Briten und der EU gern übersehen, und hier liegt der Wert von Simms faktenreichem und zugleich klaren Buch. Es belegt, was der Historiker im Interview sagt: Europa täte gut daran, nach einem Brexit rasch wieder zu einer guten Beziehung zu Grossbritannien zu gelangen. Denn diese Briten, so verschieden sie vom Rest Europas auch sein mögen, sind eine Bereicherung.

Es ist eine Art von Pendelbewegung, die Brendan Simms nachzeichnet. Im 1.Jahrhundert besetzen die Römer Britannien, später siedeln sich die norddeutschen Angelsachsen an und schaffen in Reaktion auf regelmässige Überfälle der Wikinger den ersten europäischen Nationalstaat. Die Eroberung durch die Normannen schafft im 11.Jahrhundert eine territoriale Verbindung hinüber nach Frankreich. Über mehrere Jahrhunderte bestimmt die Auseinandersetzung mit dem französischen König die Aussenpolitik, bis England vom Kontinent verdrängt wird. Immer wieder aufflammende Kriege lassen eine Institution erstarken, die uns heute selbstverständlich ist: das Parlament, das den Königen die notwendigen Steuern bewilligen muss.

Brexit-Gegner protestieren am 1. April 2019 vor dem Parlamentsgebäude in London. (Bild: Dan Kitwood/Getty)

Brexit-Gegner protestieren am 1. April 2019 vor dem Parlamentsgebäude in London. (Bild: Dan Kitwood/Getty)

Aber diese Auseinandersetzungen leiten auch vier bis heute folgenreiche Entwicklungen ein. Erstens verstärken sie das Bedürfnis, England zu schützen und dem jeweiligen Gegner – zuerst Frankreich, später Spanien, dann wieder Frankreich und schliesslich im 20.Jahrhundert Deutschland – kein Einfallstor zu bieten. Was dazu führt, dass Wales, Schottland und Irland Anfangs des 18.Jahrhunderts mit England zum Vereinigten Königreich zusammengeschlossen werden.

Zweitens zwingt der Kampf gegen ein im 16.Jahrhundert die kontinentale Politik stark dominierendes Spanien England dazu, durch den Erwerb von Kolonien und den Aufbau seiner Marine eine Weltmacht zur See zu werden. Und drittens beschreitet England gegen die katholische Gegenreformation einen Sonderweg, indem es seine eigene, von der Monarchie geprägte Form der Reformation entwickelt.

Widerstand gegen Integration, von Anfang an

Schliesslich, viertens, lernt England, dass es auf dem Kontinent immer wieder Einfluss nehmen muss, will es in aller Ruhe seinen Geschäften nachgehen. England wird zum Garanten des kontinentalen Mächtegleichgewichts, zuletzt gegen Nazideutschland. Es wäre deshalb grundfalsch, den Briten einen Hang zum Rückzug zu unterstellen, wenn sie sich für den Brexit entscheiden.

Doch welcher Teufel hat sie dann geritten, als sie sich 2016 mit 52 gegen 48 Prozent dafür entschieden haben, die Europäische Union wieder zu verlassen? Spätestens hier zeigt sich, wie ergiebig historische Analyse für das Verständnis der Gegenwart sein kann. Grossbritannien, das macht Brendan Simms deutlich, ist aus eigener Kraft zur Grossmacht gereift. Noch immer blickt es nicht nur hinüber nach Europa, sondern zugleich hinaus in die Welt, überall engagiert es sich. Deshalb ist es, von Anfang an, auf Distanz zu jenen Bestrebungen gegangen, die in Richtung Souveränitätsverlust gingen.

Grossbritannien mag EU verlassen, aber nicht Europa

Im Prozess der europäischen Einigung ist es immer wieder als Bremser aufgetreten. Während Frankreich die Ansicht vertrat, Deutschland könne umso besser gebändigt werden, je enger es an Europa gebunden sei, glaubten vor allem die konservativen Regierungen stets, Deutschland werde so zu mächtig werden. Als es Anfang der Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts darum ging, ob sich das Vereinigte Königreich an einer übernationalen Integration beteiligen könne, sagte der damalige Aussenminister Anthony Eden:

«Das ist etwas, von dem wir im tiefsten Innern wissen, dass wir es nicht tun können.»

Diese Abneigung gegen eine zu enge Union ist bis heute virulent. Auch Brendan Simms glaubt heute, dass ein Brexit das Beste wäre. Grossbritannien sei «gut gerüstet, um den Ordnungsanspruch der EU zumindest für sein eigenes Territorium abzuwehren. Es ist immer noch eine der wichtigsten Mächte der Welt; es dürfte nach den Vereinigten Staaten und China an dritter Stelle, gewiss aber unter den ersten vier oder fünf Spitzenakteuren auf der Weltbühne rangieren.» Man sollte sich also hüten, die Briten zu unterschätzen. Im Übrigen aber gelte, was Theresa May gesagt habe: Grossbritannien mag die EU verlassen, aber es wird nicht Europa verlassen.

Brendan Simms: Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation. DVA, 397 S., Fr. 38.-

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