Theater im Südpol: Untergang kann so poetisch sein

Die Hauptrolle in «Girl From The Fog Machine» spielt eine grosse Liebe von Regisseur Thom Luz: der Nebel. Die Zürcher Co-Produktion mit dem Südpol Luzern ist ans Berliner Theatertreffen eingeladen.

Céline Graf
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In einer Fabrik, die niemand mehr braucht, laufen die Arbeiterinnen und Arbeiter zur Höchstform auf. (Bild: PD)

In einer Fabrik, die niemand mehr braucht, laufen die Arbeiterinnen und Arbeiter zur Höchstform auf. (Bild: PD)

Der Nebel wabert und zischt, kriecht und verpufft, über eine Stunde lang, fast ununterbrochen. Über die Bühne, in den Zuschauerraum hinein. Viel, sehr viel, eine Unmenge Nebel prägt das Stück «Girl From The Fog Machine Factory» von Thom Luz. Seine gesamte Nebelmaschinen-Sammlung hat der Zürcher Theatermacher hier im Einsatz, rund 25 Stück, von klein bis gross und billig bis teuer.

Der flüchtige Stoff hat Luz als Kind gepackt und seither nicht mehr losgelassen. Eine Nebelmaschine in einem Zirkusworkshop sei für ihn eine «Offenbarung» gewesen, wie er sagt. «Wer stellt eine Maschine für etwas Zweckloses her?», wunderte er sich.

Pleite und Not machen erfinderisch

In der Kunst, so merkte er beizeiten, ist künstlicher Nebel eine nützliche Sache. «Schon die alten Griechen setzten Raucheffekte im Amphitheater ein.» Nebel sei eine einfache Metapher für die grossen Fragen des Vergänglichen: «Zeit, Liebe, das Leben an sich». Damit arbeitet Luz oft, der auch Bühnenbildner ist.

«Niemanden lässt die Schönheit von Nebel auf der Bühne kalt, er verkörpert unmittelbar das Wesen der Poesie», findet er. Darum spielt Nebel in einer Mehrheit seiner Stücke eine Rolle. Und auch wegen seiner «technischen Faszination» für Nebelmaschinen. In «Girl From The Fog Machine Factory», das 2018 im Theater Gessnerallee uraufgeführt wurde, hat der Nebel nun sogar die Hauptrolle.

Die Belegschaft der titelgebenden Nebelmaschinenfabrik ist ebenso, wenn nicht noch begeisterter von ihrem Produkt wie der Regisseur. Aber die Fabrik ist pleite. «Nein.  (...) Nein.  (...) Kein Geld (...)», sagt der Chef (Samuel Streiff) ins alte Schnurtelefon. Als er oder einer der verbleibenden Angestellten (Mara Miribung, Sigurður Arent Jónsson) im Blaumann diese «wichtigen Informationen» dem Publikum mitteilen wollen, werden sie von einer Nebelmaschine unterbrochen, die sich selbstständig macht. Also gehen die Arbeiter weiterhin mit Kaffeetasse in der Hand auf ihre üblichen Rundgänge und tun geschäftig. Als wäre das Ende doch noch nicht gekommen.

Not macht erfinderisch, wie sich dann zeigt. Mit einer Fabrik, die niemand braucht, lassen sich tolle Sachen anstellen. Nach ein paar Minuten versuchen die Arbeiter, mit Ventilatoren Cello und Geige zu spielen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind. Selbstvergessen spielen sie und schwatzen durcheinander, dass sie den Besuch zuerst nicht bemerken. Eine Frau in rotem Kleid sagt schüchtern Hallo. Begeistert wird sie mit einem A-cappella-Chörchen empfangen. Zum Entzücken der Arbeiter möchte sie das gesamte Arsenal sehen. Der Chef läuft als Verkäufer zu Höchstform auf. Aber ist das wirklich eine Kundin? Tatsächlich gehört das Mädchen in Rot (Fhunyue Gao) zum Team.

Eine Festung gegen die unangenehme Welt

Immer ambitionierter werden die Experimente mit den unterschiedlichen Nebelmaschinen. Besonders der Unmöglichkeit, den Nebel wie Schnee in eine ­feste Form zu bringen, widmen sich die Arbeiter mit ernsthaftem Eifer. Es wird wenig geredet, viel gezaubert und gestaunt, und eine Liebesgeschichte mitsamt Eifersüchtelei des Chefs bahnt sich an.

«Girl From The Fog Machine Factory» vereint den naiven Charme des französischen Klassikers «Die fabelhafte Welt der Amélie» mit der komischen Tragik von Charlie Chaplins «Modern Times» und dem Action Theatre von «Karl’s kühner Gassenschau». Die gewisse Dosis Kitsch und Effekthascherei ist gut erträglich, auch weil die Darsteller sich manchmal selbst von aussen zu betrachten scheinen. Dem Pianisten wird etwa zugerufen, er solle mal was weniger Melancholisches bringen. Mathias Weibel, der eine regelrechte Filmmusik komponiert hat, begleitet das Stück live und spielt auch als Fabrikarbeiter mit.

In dieser Festung aus Nebel, leeren Verpackungen, ausgemusterten Maschinen, Möbeln und Menschen gegen die unangenehme Welt da draussen wohnt das Publikum einem poetischen Untergang bei.

Die Co-Produktion zwischen dem Zürcher Theater Gessner­allee und – neben anderen – dem Südpol Luzern ist ans diesjährige Berliner Theatertreffen eingeladen. Insgesamt ist es die dritte dieser begehrten Einladungen für Thom Luz. Ja, dort und überhaupt kenne man ihn mittlerweile als «den mit dem Nebel», sagt er. «Aber ich habe durchaus Stücke ohne Nebel gemacht», verteidigt er sich und ergänzt: «Oder mit nur ganz wenig Nebel.»

«Girl From The Fog Machine Factory» im Südpol Luzern, Grosse Halle: Heute und morgen, 20 Uhr.