UNTER TAGE: Vom Dunkel ins Licht

Teresa Diehl hat für die Kunsträume von The View am Bodensee passgenaue Installationen entwickelt. Betrachter tauchen ein in wahre Gefühlsbäder. Angst und Trauer münden schliesslich in Hoffnung.

Christina Genova
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Kunst für alle Sinne, die niemanden unbeteiligt lässt: Installationen «Cubo Negro» und «El Nido» der amerikanischen Künstlerin Teresa Diehl. (Bilder : PD/Luca Rüedi)

Kunst für alle Sinne, die niemanden unbeteiligt lässt: Installationen «Cubo Negro» und «El Nido» der amerikanischen Künstlerin Teresa Diehl. (Bilder : PD/Luca Rüedi)

Christina Genova

Kalt tropft es von der Decke. Gerade noch standen wir in der Berlinger Sommerhitze, nun umfängt uns die Dunkelheit des ­militärischen Unterstandes. Er stammt aus Zeiten des Kalten Krieges und ist einer von drei ungewöhnlichen Ausstellungsorten der privaten Kunstinstitution The View.

Ein schmaler, niedriger Gang führt zu einem Raum, einer Höhle vielmehr, wo sich «Cubo Negro», die erste von drei ortsspezifischen Installationen Teresa Diehls befindet. Die in Miami lebende Künstlerin ist die erste Gastkünstlerin von The View und hat sechs Wochen intensiv vor Ort gearbeitet. Die an und für sich schon beengten Platzverhältnisse im militärischen Unterstand hat Diehl durch einen beinahe raumfüllenden Kubus noch klaustrophobischer werden lassen. Er besteht aus einem schwarzen Metallrahmen, der mit Nylonbändern umwickelt ist. Sie sehen aus wie Stacheldraht. Nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, erhellt wird der Raum einzig durch Projektionen. Sie zeigen israelische Soldaten bei einer militärischen Zeremonie. Kirchenglocken sind zu hören, tibetische Gesänge, dann der Gebetsruf eines Muezzins. Vier Weltreligionen sind hier im Bauch des Berges präsent, doch in dieser düsteren Umgebung haftet ihren Klängen nichts Tröstliches an.

Krieg und Frieden

Auch in der zweiten Station, dem ehemaligen Wasserreservoir von Berlingen, gelingt es Theresa Diehl, alle Sinne der Betrachter anzusprechen. Empfangen werden wir von einem Kinderlied. Doch über unseren Köpfen flattert eine Taube unablässig gegen Gitterstäbe und unter unseren Füssen ziehen dem Erdboden gleichgemachte Städte vorbei. Es sind Drohnenbilder aus dem zerstörten Syrien. Unten im Wasserreservoir stehen wir mitten unter verstörten Kindern, trauernden Eltern mit ihren toten Kindern im Arm, aber auch Soldaten mit verlorenem Blick. Sanft bewegen sie sich wie ein Mobile im Raum und werfen ihre Schatten an die Wände, die sich mit jenen der Besucher und mit weiteren Drohnenbildern aus Syrien überlagern. Teresa Diehl hat die Fotos der Kriegsversehrten im Internet gefunden und aus weissem, lichtreflektierendem Polyethylen ausgeschnitten. Dazwischen hängen Fäden; die daran befestigten silbernen Perlen erinnern an Gewehrkugeln. «Post Revolution» heisst diese Installation, der man sich nicht entziehen kann und dies sich mit den Folgen des Arabischen Frühlings befasst. Hoffnungsvoll wird die Stimmung erst im letzten Raum. «El Nido» – das Nest – ist lichtdurchflutet und mit geknüpften Nylonschnüren in Nischen unterteilt. Wie ein Herzschlag pulsiert der Bass der von Teresa Diehl selbst komponierten Musik. Der Boden ist mit duftendem Heu und Laub bedeckt, man kann sich auf einem grossen Kissen niederlassen und die Projektionen der nun frei fliegenden Tauben betrachten.

Bis 23.9. The View, 8268 Salen­stein. Die Ausstellung kann nur in einer Führung besucht werden. Anmeldung: 071 669 19 93 oder info@the-view-ch.com. Im Zivil­- schutzbunker in Salen­stein stellen auch Bernhard Leitner, Christa Sommerer und Laurent Mignonneau aus.