Unter Bären

Biographie Er hat den Sinn des Lebens gesucht und die Liebe zu Bären gefunden: Reno Sommerhalder beschreibt in seiner Biographie seine ungewöhnliche Reise.

Lukas G. Dumelin
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Bären sind für Reno Sommerhalder, Autor des Buchs «Ungezähmt», ein Anzeichen für eine gesunde, intakte Natur. (Bild: Reno Sommerhalder)

Bären sind für Reno Sommerhalder, Autor des Buchs «Ungezähmt», ein Anzeichen für eine gesunde, intakte Natur. (Bild: Reno Sommerhalder)

Kloten in den späten Sechzigern: Alles deutet darauf hin, dass das Leben von Reno Sommerhalder eines wie viele andere werden wird. Er ist ein unauffälliger Schüler, spielt Fussball, beginnt eine Lehre als Koch, arbeitet im Baur en Ville in Zürich und in der Direktionskantine des Bankvereins. Doch ist dies das Leben, das er führen will? Nein, sagt er und macht sich auf die Suche nach dem richtigen Leben. Und davon erzählt «Ungezähmt», seine kürzlich erschienene Biographie.

Plötzlich ein Bär im Zelt

Reno Sommerhalder ist Mitte zwanzig, als er zu einer ausgedehnten Nordamerikareise aufbricht – und in Kanada hängen bleibt, wo in einer Nacht in der Wildnis plötzlich ein Schwarzbär den Kopf ins Zelt streckt. Seither stehen Bären im Mittelpunkt seines Lebens. Er findet da und dort Jobs, um wieder wochenlang in die Abgeschiedenheit abzutauchen. Seine kindliche, grenzenlose Neugier macht ihn zu einem Experten; er erhält erste Aufträge für die Nationalparks in Alberta. 1996 gründet er mit Kollegen eine Umweltorganisation, und 2004 lädt ihn ein bekannter Bärenkenner nach Kamtschatka ein, um dort fünf verwaiste Jungbären grosszuziehen. Dieses Erlebnis bildet die Rahmenhandlung. Die mitreissende, liebevolle Schilderung der Aufzucht der Jungen bis zum schweren Moment des Loslassenmüssens durchbrechen Rückblicke auf sein bisheriges Leben. Ein Leben, das für sein Umfeld nicht immer leicht war: Sommerhalders Freiheitsdrang verlangte von seinem Umfeld viel ab.

Tessin böte Platz für Bären

«Ungezähmt» ist aber auch eine Kampfschrift. Sommerhalder schreibt gegen Wilderer an und macht sich für neue Jagdgesetze in Alaska stark. Er enerviert sich über studierte Biologen, die sich Autodidakten wie ihm in den Weg stellen, obwohl sie nicht mal die Pflanzen kennen würden, die Braunbären essen. Er geisselt den Egoismus des Menschen – und erklärt, dass der Bär gerade im Tessin bestens Platz finden würde. Mit dem nötigen Respekt könnten Mensch und Bär überall nebeneinander existieren.

«Ich möchte den Bären gerne als Metapher für alles Wilde und als Indikator für eine gesunde, intakte Natur verstehen wissen», schreibt er. Überleben Bären, überleben viele weitere Tier- und Pflanzenarten. Sommerhalder ist ein Anwalt der Natur, die er im Buch so stark verehrt, dass es fast zu viel wird. Doch die Wildnis beschert ihm zauberhafte Augenblicke. Wie in Kanada, wo er auf einer Tour ein schlafendes Bärenweibchen beobachtet: «Dann spürte ich ihn. Den Herzschlag. Nicht meinen und auch nicht den der Bärin, sondern denjenigen von Mutter Erde.» In diesem Moment ist Reno Sommerhalders Sinnsuche für kurze Zeit am Ziel.

Reno Sommerhalder: Ungezähmt. Wörterseh, Zürich 2011. Fr. 39.90

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