Unser Mann in Paris

An der Pariser Oper hat der Schweizer Dirigent Philippe Jordan ein begeisterungsfähiges Publikum für sich gewonnen. In diesen Tagen ist er in seiner Heimatstadt Zürich zu erleben, wo wir ihn beobachtet und getroffen haben.

Rolf App
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Philippe Jordan hat die Dirigenten- der Solistenkarriere vorgezogen – weil er es liebt, mit andern Menschen zusammenzuarbeiten. (Bild: leemage/Fred Toulet)

Philippe Jordan hat die Dirigenten- der Solistenkarriere vorgezogen – weil er es liebt, mit andern Menschen zusammenzuarbeiten. (Bild: leemage/Fred Toulet)

Man findet im zweiten Satz dieses fünften Klavierkonzerts von Camille Saint-Saëns Passagen, die sind zum Weinen schön. Oder zum Lächeln. Seltsam fremdartig klingen sie, zart hingetupft vom Solisten und sparsam begleitet vom ganzen Orchester oder von den Holzbläsern. «Ja, Saint-Saëns wird unterschätzt. Dieses Klavierkonzert ist unglaublich raffiniert, fein und experimentell», sagt der Dirigent Philippe Jordan. «Jedesmal, wenn ich mich mit Saint-Saëns beschäftige, komme ich ins Staunen. Vielleicht achtet man ihn nicht so, weil er so vielseitig war.»

Mit Charme und Tiefe

Oder weil Saint-Saëns Franzose war? «Der deutsch-französische Gegensatz war lange sehr präsent», sagt Philippe Jordan, «das ändert sich aber jetzt.» Es wächst das Interesse an einer Musik, die nicht schwer und monumental ist, sondern eine gewisse Leichtigkeit und Charme mitbringt – und dennoch Tiefe hat.

Für den Abbau mentaler Barrieren wäre Philippe Jordan der rechte Mann – und zwar in beide Richtungen. Seit 2009 ist er Musikdirektor der Pariser Oper, sieben Monate des Jahres verbringt er dort – und hat paradoxerweise grosse Erfolge gefeiert mit dem vielleicht deutschesten aller deutschen Komponisten, mit Richard Wagner. «Der <Ring des Nibelungen> ist an der Pariser Oper fünfzig Jahre nicht mehr gemacht worden», erklärt Jordan das Riesenprojekt. «Für mich war das die Chance, mit meinem grossen, in wechselnder Besetzung spielenden Orchester über mehrere Jahre kontinuierlich zu arbeiten», sagt Jordan.

Das Publikum hat es ihm gedankt und der kaufmännische Direktor ebenso. Auch zwei CDs mit sinfonischen Stücken aus dem «Ring» und der grandiosen Schlussszene sind aus dieser Arbeit hervorgegangen (siehe Kasten). Philippe Jordan, erst 39 Jahre alt, hat das «Orchestre de l'Opéra National de Paris» zu Frankreichs bestem Orchester geformt.

In der Zürcher Tonhalle

Wie man mit einem Orchester arbeitet, ja was ein Dirigent überhaupt so tut, das zeigt Philippe Jordan an dem Ort, von dem er herkommt: in Zürich. Hier arbeitet er mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester an einem Konzertprogramm, das auf reizvolle Weise die kulturellen Brüder Frankreich und Russland miteinander verbindet – mit Peter Tschaikowskys sechster Sinfonie, der «Pathétique», mit Saint-Saëns fünftem Klavierkonzert, das nach seinem Entstehungsort auch das «Ägyptische Konzert» genannt wird (und nahezu unbekannt ist). Und mit Modest Mussorgskys «Johannisnacht auf dem Kahlen Berge», und zwar nicht in der normalerweise gespielten Instrumentation von Nikolai Rimski-Korsakow, sondern in Mussorgskys Urfassung. Von heute bis zum Freitag wird dieses Programm jeweils um 19.30 Uhr in der Zürcher Tonhalle zu hören sein.

Mussorgsky fordert heraus

Vertrackte Rhythmen prägen Mussorgskys wild-aufgewühltes Stück, das einen Hexensabbat in Töne setzt. Jordan bricht immer wieder ab, um Details zu besprechen. Alles muss sehr genau ineinanderpassen, innerhalb und zwischen den Instrumentengruppen. Die Stimmung ist freundlich und locker, und es ist keineswegs der Dirigent allein, der seine Wünsche anbringt. Das Ganze gleicht mehr einer angeregten Diskussion. Bis Philippe Jordan früher abbricht als geplant, befriedigt vom machtvoll klingenden Resultat.

«Das Zürcher Tonhalle-Orchester spielt ganz hervorragend», sagt Jordan anschliessend in der Dirigentengarderobe. «Es ist ausserordentlich angenehm, mit ihm zu arbeiten.» Dass er es geniesst, das hat man spüren können. Aber auch, dass ihm Präzision sehr wichtig ist. Genau abgezirkelt, beinahe eckig wirken seine Bewegungen. Obwohl Philippe Jordan gut aussieht, ist nichts auf Show ausgerichtet. Auch im Gespräch nicht: Da wirkt er bescheiden und interessiert. Er sucht nicht den grossen Auftritt. Wichtig ist ihm etwas ganz anderes: «Mit andern Menschen zusammen Musik zu machen, das ist das Schöne an meinem Beruf.»

Im Nebenzimmer spielt sich gerade der Pianist François-Frédéric Guy ein, mit dem Jordan schon die Beethoven-Klavierkonzerte auf CD eingespielt hat. Pianist werden, das wäre auch einmal eine Möglichkeit gewesen für den jungen Philippe Jordan. Oder Sänger. Oder Regisseur. Oder Architekt.

«Ich hatte nie eine Astronautenphase», sagt er lächelnd. «Meine Familie war eben anders als andere Familien.» In der Tat: Vater Armin war Dirigent, die Mutter Tänzerin. Die Schwester ist Schauspielerin geworden. Die Proben des Vaters hat schon der Bub erlebt. Steht heute er vor einem Orchester, dann ist es ein Geben und Nehmen. «Man kommt mit einer Vorstellung und merkt im Austausch mit dem Orchester: Ah, das könnte man auch so machen.» Als er den «Ring» angefangen hat in Paris, hat er sich viele Gedanken gemacht, wie ein «französischer Ring» klingen könnte – und realisiert, «dass das Französische im Orchester drinsteckt und ich ihm eher das Deutsche beibringen muss».

Nächste Station: Wien

Philippe Jordan ist auf dem Weg. Paris wird bleiben, aber mit der Saison 2014/15 kommt eine zweite Station hinzu. Dann übernimmt er die Leitung der Wiener Symphoniker – jenes Orchesters, das im Sommer die Bregenzer Festspiele musikalisch bestreitet. «Die Symphoniker werden gern als das <zweite> Wiener Orchester bezeichnet», sagt Jordan. «Ich möchte so weit kommen, dass es als das <andere> Wiener Orchester betrachtet wird, mit einen eigenen musikalischen Profil.»

Letzte Frage: Macht sich ein junger Dirigent wie Philippe Jordan Gedanken darüber, dass junge Menschen nur noch schwer den Weg zur klassischen Musik finden? «Mich betrübt, dass so wenig für die Bildung getan wird», sagt er. «Wie sollen junge Leute eine Beziehung zur Musik bekommen, wenn sie kein Instrument mehr spielen?» Musik aber sei deshalb so zentral, weil es für die emotionale Intelligenz so wichtig sei. «Man lernt dabei, seine Gefühle auszudrücken – und sich zugleich einzufügen in ein Ganzes.»