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St.Galler Literaturprofessorin erfindet kulinarisch-literarische Events: «Unser Leben ist ein Experiment»

Seit ihrer Rückkehr aus den USA erfindet Hildegard Keller mit ihrem Mann kulinarisch-literarische Live-Formate: An Pfingsten zu erleben am Appenzeller Buch Kunst Fest.
Hansruedi Kugler
Hildegard Keller und Christof Burkard beim gemeinsamen Kochen in ihrer Wohnung. (Foto: Valeriano Di Domenico)

Hildegard Keller und Christof Burkard beim gemeinsamen Kochen in ihrer Wohnung. (Foto: Valeriano Di Domenico)

Da servieren die beiden in ihrer Küche über dem Zürichsee in Zollikon tatsächlich Gottfried Kellers Grünen Heinrich als eine Kugel gefrorenes Erbsenpurée! Schmeckt grossartig und ist inspiriert durch Heinrichs grünes Gewand und die ärmliche Küche im Elternhaus des grossen Schweizer Autors des 19. Jahrhunderts.

Erbsenpurée «Grüner Heinrich». (Foto: Valeriano Di Domenico)

Erbsenpurée «Grüner Heinrich». (Foto: Valeriano Di Domenico)

Die in St. Gallen geborene und in Wil aufgewachsene Literaturprofessorin Hildegard Keller und ihr Ehemann, der Jurist Christof Burkard, müssten eigentlich eine eigene Literatur-Koch-Show im Fernsehen erhalten. Ein eingespieltes Paar sind die beiden in der Küche und auf der Bühne seit Jahren: kompetent, wortgewandt, enthusiastisch und kreativ. Hildegard Keller ist zudem fernseherfahren. Seit elf Jahren als Jurymitglied beim Live-TV-Event des Bachmannpreises in Klagenfurt und seit acht Jahren als Kritikerin im Literaturclub des Schweizer Fernsehens.

Zwei Maulhelden mit Sinn für Ironie

Gemeinsam treten Keller/Burkard als «Maulhelden» auf. Was bereits ihren Sinn für doppeldeutige Ironie zeigt: Zugleich professionelle Schnorris und Kulinariker. Die beiden nehmen sich also selbst ein wenig aufs Korn. Die Literaturprofessorin stellt «Knackiges aus der Weltliteratur vor» und ihr Koch «gibt seinen Senf dazu», heisst es in der Ankündigung zur ihrem Auftritt am Buch Kunst Fest am kommenden Wochenende in Appenzell. Ihre Aufgabenteilung: «Hildegard ist das literarische Gewissen», sagt Christof Burkard, «Christof ist der Menü- und Geschichtenerfinder», ergänzt Hildegard Keller. Gekocht wird aber nicht einfach, was in den Romanen gegessen wird, die beiden übersetzen Werke und Autoren in kulinarisch-literarische Performances. Wie das Erbsenpurée oder viereckige Ravioli, die Burkard zu Ehren von Max Frisch serviert hat, «weil der Homo Faber so ein technisches Denken hat, ein viereckiger Typ halt», sagt Burkard und lacht.

Sie wohnen im Schreibatelier von Max Frisch

Mit Max Frisch sind die beiden fast schon familiär verbunden. Sie leben nämlich in jener Wohnung in Zollikon, in der Max Frisch in den frühen 1950er-Jahren sein Schreibatelier hatte und wo er den Welterfolg «Stiller» schrieb. Das literarische Interesse von Hildegard Keller geht aber weit über die moderne Literatur hinaus. So bietet sie etwa Stadtspaziergänge durch die Medizin der Zürcher Reformationszeit an. Jetzt stehen Gottfried Keller und sein 200-Jahr-Jubiläum im Fokus der «Maulhelden». Seine Namensvetterin kuratiert ein Sommerfestival mit der Stadt Zürich, dem Museum Rietberg und der Zürcher Hochschule der Künste. Am 29. und 30. Juni bespielen sie den Rieterpark Zürich mit Texten von Gottfried Keller, Musik und Performances zum Ausstellungsthema Spiegel.

Das Leben, ein dauerndes Experiment

In ihrer Küche stapeln sich nun oft Bücher neben dem Schneidbrett. «Überhaupt ist unser Leben ein Experiment, oder?», sagt Hildegard Keller zu ihrem Mann. Neuanfänge prägen ihre berufliche Laufbahn. Warum aber spezialisierte sich diese quicklebendige Frau ausgerechnet auf mittelalterliche Literatur, die ein eher staubiges Image hat? «Ich studierte bei jenen Professoren, die mir Freiheiten liessen», sagt sie dazu. «Als Professor Alois Haas aus dem ‹Meister Eckhart› zitierte, begeisterte mich die Lebenskraft und Schönheit in den Texten.» Mittelalterliche Mystik und die starken Frauen, die die Verbindung von Eros und Religion hervorgebracht hat, sind noch heute eines ihrer Forschungs- und Ausdrucksfelder.

Zehn Jahre lang, bis 2017, hatte Hildegard Keller einen Lehrstuhl für deutsche Literatur an der Indiana University in Bloomington. Dort gründete sie ihre Firma Bloomlight Productions und drehte Filme über Hildegard von Bingen, die Autorin Alfonsina Storni und die Malerin ­Annemarie Mahler-Ettinger. Die «Maulhelden» sind nun eines der Projekte ihrer Firma.

Nächstes Projekt: Lydia Welti-Escher

Heute treten Hildegard Keller und Christof Burkard oft gemeinsam auf. Er unterstützt sie bei ihren autobiografischen Schreibkursen, unter anderem beim «Nachruf»-Projekt, in welchem sie in Workshops Menschen berät, die einen eigenen Nachruf mit literarischem Anspruch schreiben wollen. In Appenzell laden sie gemeinsam zum «köstlichen Viergänger». Sie servieren «Knackiges aus der Weltliteratur», unterstützt durch das Küchenteam von Agatha Nisple.

Zusätzlich gluschtig macht «Lydias Fest zu Gottfried Kellers Geburtstag». So heisst das Literarische Diner, das die «Maulhelden» und ihre Künstler am 21. Juni im Zürcher Belvoirpark organisieren. Die Villa Belvoir war der schönste Schauplatz des kurzen, tragisch endenden Lebens von Lydia Welti-Escher. Mona Petri spielt die Tochter von Alfred Escher, dessen 200. Geburtstag ebenfalls 2019 gefeiert wird. Sie kehrt zurück, um ihren väterlichen Freund Keller zu ehren – und jedermann kulinarisch, szenisch und musikalisch zu überraschen. Mit von der Partie ist ihr Malerfreund Karl Stauffer (Hanspeter Müller-Drossaart). Hildegard Keller sagt: «Lydia suchte durch Musik, Kunst und Literatur ihren Horizont zu weiten, deshalb gibt es auch neue Keller-Songs, eigens für diesen Anlass von Sandra Suter komponiert.» Wer als Special Guest teilnehmen wird, bleibt noch geheim. Auch für diesen Event gibt es noch Tickets. En Guete!

Hinweis
– Kleiner Frühling, Buch Kunst Fest, Appenzell, 6. bis 10. Juni;
– Lydias Fest, 21. Juni, Belvoirpark Zürich;
– Sommerfestival zu Gottfried Keller, 29.–30. Juni, Rieterpark Zürich.

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