Unschuldig zum Tod verurteilt? Autor John Grisham untersucht die amerikanische Justiz

Der neue Roman von John Grisham zeigt wie selten davor seine erzählerischen Stärken. Und die Schwächen des US-Bestsellerautors.

Arno Renggli
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Meister der Justiz-Krimis: John Grisham taucht wieder in die Tiefen des Rechtssystems ab.

Meister der Justiz-Krimis: John Grisham taucht wieder in die Tiefen des Rechtssystems ab.

Bild: Charlotte Graham

Bei John Grisham, 65, erschafft das US- Rechtssystem Helden und Schurken zugleich. Und das immer sehr eindeutig. Zu den vielen Schurken gehören karrieregeile, betrügerische Staatsanwälte, geldgierige Anwälte, lethargische Richter sowie korrupte Beamte. Und natürlich Kriminelle aller Schattierungen. Zu den wenigen Helden gehören seriöse Richter, andere Beamte mit Rückgrat und Anwälte, die sich für Benachteiligte und Unschuldige einsetzen. Zu ihnen gehört im neuen Roman Cullen Post. Er hat eine lukrative Anwaltskarriere aufgeben, ist Priester geworden und hat bei einer Organisationen angeheuert, die Opfer von Justizirrtümern aus den Todeszellen holen wollen.

Grisham stellt zwei solcher Fälle ins Zentrum: Einer der Klienten soll ein Mädchen vergewaltigt und ermordet haben, der andere hat angeblich einen prominenten Anwalt erschossen. Beide warten auf die Vollstreckung des Todesurteils, beide hoffen auf Cullen Post und sein Team.

Grisham schildert journalistisch präzis, wie der Held in beiden Fällen recherchiert und Ungereimtheiten zu Tage führt, die die Todeskandidaten retten könnten. Wobei er als routinierter Thrillerautor dramatisch die Uhr ticken lässt: Die Zeit drängt, und Hinrichtungen stehen an. Mit seinem grossen Wissen über das Justizsystem kann er die Komplexität solcher Fälle glaubwürdig aufzeigen. Wobei der Handlungsstrang des erschossenen Anwalts etwas mehr Gewicht erhält und bis zur organisierten Kriminalität führt. Grisham erzählt wie immer eher lakonisch, trotzdem gibt es Emotionalisierung, Humor und vor allem Spannung mit clever gesetzten Cliffhangern. Gepfefferte Dialoge kontrastieren mit den trocken-analytischen Schilderungen von Fakten und Hintergründen.

Fakten werden oft wiederholt

Zu den erzählerischen Schwächen gehört neben dem erwähnten, wenig differenzierenden Gut-böse-Schema nicht zum ersten Mal, dass sich vieles wiederholt. Zu detailliert wird etwa geschildert, wie eine Figur einer anderen die Dinge berichtet, die man als Leser längst weiss. Oder wie die Protagonisten vor Gericht darlegen, was schon erzählt worden ist. Oft angereichert mit der Emotionalität, in der Grisham wohl den Bösewichtern auch seine persön­liche Sicht um die Ohren haut.

Ist man bereit, über diese Redundanz hinwegzusehen beziehungsweise hinwegzulesen, bekommt man die typische Grisham-Spannung und manche kritische Einblicke in ein Rechtssystem mit vielen Fragwürdigkeiten. Und gewinnt vielleicht die Erkenntnis, dass die Komplexität dieses Systems ebensolche Ungerechtigkeiten, Absurditäten und Schlupflöcher fast zwangsläufig produziert.

Allerdings fragt man sich auch, ob die von Grisham gerne gezeigten Missstände in dieser Drastik wirklich systematisch möglich sind. Und ob, falls nur Einzelfälle, dies immer noch besser ist als in Ländern, in denen die Justiz von politischer Macht dominiert wird und in fast totaler Intransparenz tätig ist.

Tipp:
John Grisham: Die Wächter
Heyne
440 Seiten

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