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«Ungefragt sind wir Erbe und Erbin»

Die Philosophin und Psychotherapeutin Maja Wicki diskutiert auf der Kulturlandsgemeinde am Wochenende in Heiden über die Erbschaften, die wir von Eltern und der Gesellschaft mitbekommen. Ein Gespräch über trotzige Kinder, hörige Massen, Versöhnung und Lecks am Schiff.
Valeria Heintges
Ein Kind erbt viel mehr als Geld und Gut. Kinder müssten daher lernen, sich gegen schlechtes Erbe zu wehren, sagt die Philosophin Maja Wicki. (Bild: ky/Gaetan Bally)

Ein Kind erbt viel mehr als Geld und Gut. Kinder müssten daher lernen, sich gegen schlechtes Erbe zu wehren, sagt die Philosophin Maja Wicki. (Bild: ky/Gaetan Bally)

Frau Wicki, Ihr Buch heisst «Erbschaften ohne Testament». Was meinen Sie damit?

Maja Wicki: Wir werden hineingeboren in die grosse Erbschaft einer Herkunfts- und Zeitgeschichte, Sprach- und Denkgeschichte, Kultur-, Kriegs- und Leidensgeschichte, auch in die Geschichte der Natur. Ungefragt sind wir Erbe und Erbin.

Warum «ohne Testament»?

Wicki: Hannah Arendt verwendet den Begriff als Metapher für «ohne Tradition, die auswählt und benennt, die übergibt und bewahrt, die anzeigt, wo die Schätze sind und was ihr Wert ist». In meinen Überlegungen geht es um die grossen Vorräte, die uns überlassen wurden und über die wir verfügen können.

Das heisst, Sie sehen dieses Erbe positiv und negativ zugleich?

Wicki: Es geht um das Negative, das uns belastet, aber es stehen uns auch viele kreative Kräfte zur Verfügung. Im Vorpirschen, im Entdecken, über Erfahrung lernen wir, sie zu nutzen. So können wir das, was uns vorgegeben ist, betrachten, aber auch Widerstandskräfte wecken.

Was begegnet uns auf diesem Weg?

Wicki: Menschen, die uns erstaunen, verblüffen oder erschrecken. Theorien, die uns stärken können, damit wir Lösungen finden und Zusammenhänge verstehen. Wir haben also praktische Erfahrungen, die wir nur zum kleinen Teil wählen können. Und einen Fundus an Wissen, aus dem wir wählen können.

Wo zeigt sich in dieser Entwicklung der individuelle Mensch?

Wicki: Die Bedingungen, unter denen das Kind erste Erfahrungen macht, ob es gesund ist, sein Hunger gestillt, sein Selbstvertrauen gestärkt wird oder ob es Mangel erleidet, diese Bedingungen kann das Kind nicht wählen. Aber schon das Kleinkind kann lernen, mit Erfahrungen von Nähe und Distanz, von Fürsorge und Liebe, aber auch von Mangel, seine Neugier, sein Wissen zu vergrössern oder eben nicht. Es kann Fragen stellen, Antworten überlegen und von neuem fragen. Diese Entwicklung in den ersten Jahren ist ungeheuer vielschichtig, aber entscheidend.

Sie betonen den Widerstand des Kindes schon in der frühen Entwicklung. Warum?

Wicki: Das Kind hat die Wahl – es macht sich unbeliebt, es wird bestraft. Es ist scheinbar einfacher, sich anzupassen an die Gesellschaft, die das Kind zu lenken versucht. Ein Kind, das beginnt, seinen Widerstand umzusetzen, prallt häufig an und muss sich immer wieder überlegen, warum diese Auseinandersetzung so kompliziert ist. Aber es weckt Glück und Vertrauen, wenn eine Entdeckung gelingt. Kinder verarbeiten die Voraussetzungen un-terschiedlich, die sich dadurch wieder verändern. Es beeinflusst das Wesen des Menschen enorm, wenn eine Kindheit von Verlusten, Enttäuschungen oder schwierigen Familienverhältnissen geprägt wird, wenn die kindliche Offenheit unterdrückt wird, weil die Machtverhältnisse so ungleich sind.

Wie sollten Eltern dem trotzigen Kind begegnen?

Wicki: Die Fähigkeit des kritischen Denkens, der Auseinandersetzung mit Erklärungen, mit ideologischen Machtstrukturen ist enorm wichtig. Eine gute Erziehung sollte Widerspruch gedeihen lassen, damit nicht Druck aufgebaut wird, jede Bedingung zu erfüllen, um einen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Sie arbeiten als Psychoanalytikerin und auch als Traumatherapeutin. Wie wirkt sich ein Trauma auf die Entwicklung aus?

Wicki: Ein Trauma ist eine enorme seelische Verletzung, wie ein Leck im Schiff. Es kann viele Ursachen haben. Wir alle werden konfrontiert mit schwierigen Erfahrungen über massive kollektive oder individuelle Gewalt. Sie kann innerhalb der Familie geschehen oder der Gruppe oder über politische oder militärische Ereignisse, die durch Ideologien legitimiert und von der Hörigkeit der Massen umgesetzt werden. Ein Trauma bewirkt stets grosses Leiden, weil alles Bestehende und Sicherheit Darstellende aufgelöst wird.

Wie kann es geheilt werden?

Wicki: Die Wunde kann nicht heilen, indem sie überpflastert wird. Was den Schmerz auslöst und den Lebensinhalt entwertet, muss aufgearbeitet werden. Dabei muss man versuchen, die starken und gesunden Teile einzubeziehen, sich an gute Erfahrungen zu erinnern und diese als Fundament zu nutzen.

Also das Geschehen annehmen?

Wicki: Wir können im Entsetzen oft gar nicht die Kräfte finden, das anzunehmen. Aber das Verarbeiten ermöglicht ein Vernarben, das Geschehene wird Zeitgeschichte im eigenen Leben, Teil der grossen Erfahrung. Das Böse kann nie gut werden, aber es darf sich auch nicht einnisten, sondern sollte sich lösen können.

Traumata können auch an Kinder vererbt werden.

Wicki: Viele angstbesetzte Kindheiten entstehen, weil Mütter oder Väter nicht in der Lage waren, ihre Traumata zu verarbeiten. Manchmal können Enkel, die selbst unbeschadet sind und die Geschichte verstehen wollen, als Brückenbauer dienen. Anderseits arbeite ich auch in der geriatrischen Psychiatrie und bin hocherstaunt, dass Menschen über 80, manchmal über 90 ein plötzliches Erkennen zulassen und in der Lage sind, Tabus zu lösen, Zusammenhänge zu verstehen und sich zu versöhnen.

Wie kann man Menschen mit schwierigem Erbe helfen?

Wicki: Wenn der Betroffene gute Erfahrungen erlebt, Respekt, Verlässlichkeit, wirkliche Freund- schaft, kann er neue Beziehungen, eine neue Familie aufbauen.

Maja Wicki-Vogt Philosophin, Psychoanalytikerin, Traumatherapeutin (Bild: pd)

Maja Wicki-Vogt Philosophin, Psychoanalytikerin, Traumatherapeutin (Bild: pd)

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