«Und was, wenn ich nichts will?»

Die zweite Scheidung, Erschöpfung, schwindende Lust, Schriftstellerin zu sein: Im neuen Buch «Das Glück sieht immer anders aus» schreibt Milena Moser (51) gegen ihre Lebenskrise an und begibt sich dafür auf eine Reise durch die USA.

Katja Fischer De Santi
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Hat sich in ein winziges Häuschen verliebt und wandert darum nach Santa Fe aus: Autorin Milena Moser. (Bild: pd)

Hat sich in ein winziges Häuschen verliebt und wandert darum nach Santa Fe aus: Autorin Milena Moser. (Bild: pd)

Frau Moser, Sie haben schwere Zeiten hinter sich und wollten das Glück auf einem dreimonatigen Road Trip durch die USA wiederfinden. Mission geglückt?

Milena Moser: Auf eine Art schon, aber das ist mir erst beim Schreiben aufgefallen. Zu Beginn meiner Reise habe ich krampfhaft nach dem Glück gesucht. Gott, was habe ich mir alles angetan! Ich wollte es erwischen, richtiggehend einfangen. Heute weiss ich: Das Glück ist kein Haus, kein Mann, keine Reise, das alles kann glücklich machen, aber es ist nicht das Glück.

Nun haben Sie in Santa Fe ein Haus gekauft. Lassen dafür Ihre zwei Söhne, Ihre Schreibwerkstatt, Ihre Freunde zurück. Warum?

Moser: Mein Problem ist, ich kann nicht Nein sagen. Jede Anfrage, die ich in der Schweiz erhalte, finde ich spannend, will ich machen. Ich kann nicht mitten im Kuchen sitzen, aber nicht davon essen. Die einzige Möglichkeit, wirklich mal etwas herunterzufahren, ist für mich wegzugehen, weit weg.

Und warum schon wieder in die USA, wo Sie bereits acht Jahre gelebt haben?

Moser: Ich muss mich in Amerika weniger anstrengen. In der Schweiz habe ich immer das Gefühl, ich müsse Haltung bewahren. Und dann ist dort dieser Himmel, so weit, so blau. Santa Fe gibt einem das Gefühl, dass alles möglich ist.

Ihr neues Buch ist autobiographisch, Sie geben viel von sich und Ihrem Gefühlsleben preis. Keine Angst, verletzt zu werden?

Moser: Ich hab schon in meinen früheren Büchern viel von mir preisgegeben, meine Schwangerschaft thematisiert, meine Yoga-Leidenschaft, meine Zeit in San Francisco. Ich habe vor allen möglichen Dingen Angst, aber nicht davor, zu viel von mir preiszugeben.

War von Anfang an geplant, dass aus Ihrem dreimonatigen Road Trip ein Buch werden würde?

Moser: Nein. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das ausser ein paar eingefleischten Moser-Fans jemanden interessiert. Aber mein Verleger war anderer Meinung.

Ist das Buch denn mehr als die Notizen einer 50jährigen unglücklichen Frau?

Moser: Für mich ist das schwierig zu beantworten. Ich hoffe zumindest, dass es mehr ist. Weil viele Menschen irgendwann in ihrem Leben vor diesen Brüchen stehen. Weil in vielen von uns dieser Wunsch schwelt, aufzubrechen in ein anderes Leben.

Rettet Sie das Schreiben?

Moser: Ja, immer wieder. Schreiben ist die einzige Konstante in meinem Leben, und das, seit ich acht Jahre alt bin. Ich hatte als Kind viele Unfälle und kam so vom Lesen ins Schreiben. Auf das Schreiben kann ich mich immer verlassen, egal, was in meinem Leben gerade passiert.

Sie werden also immer weiter schreiben?

Moser: Ja. Ob ich weiter auch Bücher veröffentliche, wird die Zukunft weisen. Aber schreiben werde ich immer. Es fällt mir leichter als reden.

Welche Bedeutung hatte der 50. Geburtstag für Sie?

Moser: Ich hatte nie Angst vor dieser Zahl. Meine Mutter war ein gutes Vorbild. Sie hat immer gesagt, für eine Frau fängt mit 50 das Leben noch einmal so richtig an. Sie meinte natürlich für eine Frau mit Kindern. Man muss im Alltag nicht mehr für die Kinder dasein. Das gibt Freiheiten. Ist aber nicht nur angenehm. Was, wenn ich nichts will? Wenn ich nichts kann?

Sie ziehen in Santa Fe in ein Minihaus, müssen vieles in der Schweiz zurücklassen. Was schmerzt Sie am meisten?

Moser: Meine Bücher. Ich bin gelernte Buchhändlerin, Bücher gehören zu meinem Leben. Sie stehen für verschiedene Lebensabschnitte, sie hierzulassen, fällt mir wahnsinnig schwer.

Was halten Sie vom Stempel der «Frauenliteratur», der Ihren Büchern gerne aufgedrückt wird?

Moser: Mich nervt dieses Etikett ziemlich. Noch schlimmer ist nur «Freche Frauenliteratur». Ich bin eine Frau, und die meisten meiner Hauptfiguren sind Frauen, na und? Der Begriff «Frauenliteratur» hat immer etwas Abwertendes, das finde ich besonders stossend. Als ob bei meinen männlichen Kollegen nicht auch vor allem Frauen in den Lesungen sitzen würden.

Der Literaturbetrieb ignoriert oder zerfetzt Ihre Bücher. Haben Sie sich damit arrangiert?

Moser: Es ermüdet mich eher. Mit der «Putzfraueninsel» habe ich sechs Jahre lang nach einem Verlag gesucht; dass ich kein Talent hätte, habe ich da schon oft gehört. Verletzt hat es mich trotzdem immer wieder. Heute lese ich keine Kritiken mehr, das Buch ist fertig geschrieben, ich kann eh nichts mehr daran ändern. Manchmal würde ich aber trotzdem gerne ein Buch unter einem anderen Namen veröffentlichen und schauen, was passiert.

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