Und sie spielen doch! Konzert und Theater St.Gallen stellen Nach-Corona-Spielplan auf die Beine

Das Theater St.Gallen und das Sinfonieorchester lassen die eigentlich beendete Saison noch einmal aufleben: in Altstadt und Park, umsonst und draussen. Anstatt Festspiele gibt es während gut vier Wochen Parkspiele mit Oper, Serenadenkonzerten, Tanz und Schauspiel. Und Fernweh-Lesungen in der Fussgängerzone.

Julia Nehmiz
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Der Theatercontainer soll von 9. bis 24.Juni in der St.Galler Altstadt wieder bespielt werden - aber coronaconform nur mit zwei Schauspielern.

Der Theatercontainer soll von 9. bis 24.Juni in der St.Galler Altstadt wieder bespielt werden - aber coronaconform nur mit zwei Schauspielern.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 6.10.2016)

Mit grosser Spannung habe er die Pressekonferenz des Bundesrates am Mittwoch verfolgt, sagt Werner Signer.

«Man spürt, dass das Leben wieder kommt, es herrscht eine Aufbruchsstimmung.»
Werner Signer, geschäftsführender Direktor Konzert und Theater St.Gallen

Werner Signer, geschäftsführender Direktor Konzert und Theater St.Gallen

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Der geschäftsführende Direktor von Konzert und Theater St.Gallen freut sich, nach vielen coronabedingten Absagen endlich eine Ankündigung machen zu können: Es wird wieder gespielt. Noch diese Spielzeit. Zwar nicht im Theater, dafür draussen und umsonst.

Statt der St.Galler Festspiele gibt es jetzt Parkspiele. Vom 11.Juni bis voraussichtlich 10.Juli wird auf der theatereigenen Wiese hinter dem Grossen Haus gespielt: Oper, Tanz, Schauspiel und Konzerte. Und der Theatercontainer, von Schauspieldirektor Jonas Knecht in seiner ersten St.Galler Spielzeit 2016 eingeführt, wird mitten in der St.Galler Altstadt von 9. bis 24.Juni wieder mit Leben gefüllt.

Salonoper im Park, das Publikum sitzt auf Picknickdecken

Ab dem 6.Juni sind Kulturveranstaltungen möglich, wieso startet die Nach-Corona-Extrasaison von Konzert und Theater St.Gallen nicht gleich an dem Samstag, wenn es wieder erlaubt wäre? «Es braucht schon noch ein bisschen Vorbereitung», sagt Werner Signer. Die kommende Woche sei durch Pfingsten verkürzt, und man wolle ein professionelles Programm auf die Bühne bringen.

Dieses kann sich sehen lassen: Noch steht es nicht in allen Details fest, doch alle Sparten werden auftreten. Geplant sind eine Salonoper, drei Opernprogramme mit Ensemble oder Chor, Serenadenkonzerte, eine Schauspielproduktion sowie Tanzabende.

Das Sinfonieorchester wird Serenadenkonzerte spielen, aber natürlich mit kleinerer Besetzung, Abstand - und vor deutlich weniger Publikum als beim Klassik Openair vor der Tonhalle im Sommer 2019.

Das Sinfonieorchester wird Serenadenkonzerte spielen, aber natürlich mit kleinerer Besetzung, Abstand - und vor deutlich weniger Publikum als beim Klassik Openair vor der Tonhalle im Sommer 2019.

Bild: Hanspeter Schiess

Die Programme auf der Bühne im Park werden rund eine Stunde dauern, ohne Pause, ohne Gastronomie, ohne Bestuhlung. «Wir wollen es ganz unkompliziert halten», sagt Werner Signer. Eine Bühne, 80 bis 100 Quadratmeter gross, direkt vor der Glasfront des Theaterfoyers, dort, wo draussen die kleine Theaterarena steht. Das Publikum kann sich Picknickdecken mitbringen, vielleicht stellt man auch ein paar Stühle auf. Eintritt soll es keinen kosten. Werner Signer sagt:

«Die öffentliche Hand ist der Kultur in der aktuellen Situation so unkompliziert beigestanden, da ist es unsere Pflicht, jetzt zum Abschluss der Saison etwas zurückzugeben.»

Er finde wichtig, in diesen Zeiten keine finanzielle Hürde einzubauen, sondern allen Zugang zu Kultur zu ermöglichen. Ab nächster Woche soll eine Art «Vorverkauf» für die Gratistickets starten.

Für wie viele Zuschauer sie spielen dürfen, sei noch nicht klar. Signer geht nicht davon aus, dass sie das erlaubte Maximum von 300 Zuschauern ausschöpfen können. Es sei ungewiss, ob im Publikum auch der zwei-Meter-Abstand einzuhalten sei, oder ob ein Meter reiche, man dann aber die Kontaktdaten erfassen müsse.

Der Bassist singt und spielt die böse Schwester

Operndirektor Peter Heilker

Operndirektor Peter Heilker

Bild: PD

«Es geht rasend schnell, wir haben jetzt vier Wochen zum Proben», sagt Operndirektor Peter Heilker. Am 24.Juni soll die Salonoper «Cendrillon» der französischen Komponistin Pauline Viardot Premiere feiern. Es sei ein heiteres Stück, das Familien anspreche, sagt Heilker.

Als sein Ensemble am Mittwoch die Noten bekam, habe es geklatscht vor Freude. «Cendrillon» sei für sieben Sängerinnen und Sänger und ein Klavier komponiert. Heilker fehlt mutterschutzbedingt eine Altistin für die Rolle der bösen Schwester. Die übernimmt jetzt der Bassist des Ensembles.

Schauspieldirektor Jonas Knecht

Schauspieldirektor Jonas Knecht

Bild: Michel Canonica

Schauspieldirektor Jonas Knecht eröffnet den Extra-Spielplan: Ab 9.Juni wird sein Ensemble jeden Mittag und am frühen Abend im Theatercontainer vor dem Stadthaus mit kurzen Lesungen das Fernweh wecken. Zwei Schauspieler im Container, über Lautsprecher lauscht das Publikum literarischen Reiseberichten.

Im Park wird sein Ensemble unter dem Titel «Zwei Meter Theater - ausgespu(c)kt» erforschen, wie man unter Coronabedingungen Theater spielen kann. «Vielleicht tritt auch Frau Corona auf?», deutet Knecht an. Es werde eine lustvolle Suchbewegung, eine Art Feldforschung:

«Wir alle wissen nicht, wie Theater in Coronazeiten geht.»

Er und sein Ensemble wollen dem mit Sinnlichkeit und Spass auf den Grund gehen.

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