Und sie nannten es Glamour

Das Duo Nicole Knuth & Olga Tucek berauscht in der St. Galler Kellerbühne mit Auslassungen musikalischer und sprachlicher Art zu Wissenswertem rund um das Thema Rausch. Doch auch auf der Bühne folgt dem der böse Kater.

Valeria Heintges
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Doppelt sehen ist Programm: Nicole Knuth (links) und Olga Tucek haben sich in der St. Galler Kellerbühne mehrfach dem Rausch verschworen. (Bild: Michel Canonica)

Doppelt sehen ist Programm: Nicole Knuth (links) und Olga Tucek haben sich in der St. Galler Kellerbühne mehrfach dem Rausch verschworen. (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Plopp!, der Korken flutscht aus der Flasche, der Wein strömt in die Gläser. Künstler, die auf der Bühne trinken? Sehr ungewöhnlich! Künstler, die sich auf der Bühne betrinken? Noch ungewöhnlicher! Im Falle des Frauenduos Knuth & Tucek alias Nicole Knuth und Olga Tucek allerdings ist der Rausch Programm, sogar Sinn, Zweck und Mittelpunkt ihres Kabarettabends, mit dem sie seit Mittwochabend in der St. Galler Kellerbühne gastieren.

Zwei Damen, zwei Ebenbilder

Wenn auch die Zuschauer meinen, doppelt zu sehen, so ist das ebenfalls Programm. Denn die Damen haben ihre Ebenbilder mitgebracht, als Miniatur-Puppenausgabe: Und so sitzt Nicole Knuth eine braunhaarige Puppe mit grossem, grünen Umhang und orangem Schal zu Füssen und unter Olga Tuceks Akkordeon versteckt sich eine Blondine mit hellgrüner Hose, orangem Oberteil und orange besticktem Käppi.

Alle vier heissen ihre Zuschauer «willkommen im Kinderzimmer», «willkommen im Reich längst verlorener Träume!» Als Reisevehikel dorthin dient eben – der Rausch. Und um das Thema in all seiner Länge, Breite und Tiefe auszuloten, haben die Damen ihr Programm in Kapitel eingeteilt, die da etwa heissen «Rausch und Frau», «Rausch und Staub», «Rausch und Kapital», «Rausch und Humor».

Das Erbe des Stimmschänders

Singend, musizierend, tanzend und vor allem spielend umkreisen die zwei ihre Ziele, hin- und hergerissen zwischen alten Hausfrauenpflichten, neuen und neusten Medien und verschütteten Träumen. Knuth singt und tanzt in seltenen Momenten erotisch. Tucek entlockt dem Akkordeon mal swingende, mal rockige, mal träumerische Töne, setzt Akzente auf Glockenspiel, Tröte und Becken und nutzt das Erbe des Urgrossvaters, «ein Stimmschänder aus den Karpaten».

Dazu ziehen sie «in Form gegossene Vollkommenheit» aus dem Sack – eine Barbiepuppe nach der anderen, bis ihnen der männliche Plastik-Ken die Feldforschung gründlich verleidet. Sie staubsaugen und erstellen lange Einkaufslisten, gestört von Fernsehsendungen und klingelnden Freundinnen – solange, bis am Ende Wladimir Putin vor der Tür steht und die heissersehnten Staubsaugerbeutel verkauft.

«Wir sind lustige, lustige Frauen», singen Knuth & Tucek treffend und komisch zugleich. Sie zirkeln um ihre Leidensgenossinnen und allzu hohe Ansprüche der Gesellschaft. Und sind doch am besten, wenn sie sich vom hohen Niveau der Komik und des Ulks herabstürzen auf den bitteren Boden der Realität.

«Triebe sind zum Ausleben da»

Hier finden sie, nach erschöpfender Reise in die Vierecksbeziehung zweier Paare, eben nicht die verbiesterte Jagd nach dem (sexuellen) Kick – «Triebe sind zum Ausleben da!» – sondern das bittere Schicksal von Kathleen, die sich das Ausleben ihrer Träume erhofft hat und jetzt doch nur Objekt ist, wenn andere ihre Triebe ausleben.

Nach der Pause ist aber für alle Schluss mit lustig und mit Rausch. Die Damen erscheinen mächtig verkatert, mit Sonnenbrillen, ohne Schminke, mit Tabletten und Wasser. Und singen innig: «Nimm dich in Acht vor der Nüchternheit».

Sie frönen dem Blues, fragen frustriert «Bin ich normal oder normiert?» und stellen ihre Wirkung als Kabarettistinnen in Frage: «Sind wir so weit gesellschaftlich relevant, dass wir dafür Geld bekommen sollten?» und antworten selbstkritisch: «Wir beissen die Hand, die uns fördert, und spucken das Fleisch aus Gewissensgründen wieder aus.»

Leider befällt der Kater allerdings sukzessive auch den Programminhalt. Die Frage: «Wo sind unsere Träume hin?» wird in immer neuen Varianten wiederholt, die Texte verlieren ihren doppelten Boden und nähern sich gefährlich nah der Betroffenheitslyrik. Sie erreichen sie spätestens im platten Bild der herumfliegenden Kinderpuppe.

«Problemzone Frauenkabarett»

Schon in der Zugabe zur «Problemzone Frauenkabarett» auf eine phänomenal vorgetragene Variation von «I will survive» zeigen die Damen, dass sie es besser können. «Sie nannten es Glamour», singen sie. Und in den wirklich guten Momenten war es auch genau das.

Knuth & Tucek: Rausch!, 8./9.5., 20 Uhr, Kellerbühne St. Gallen

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