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Einsteigen, aussteigen: Theater im Sonderzug muss sich an den ÖBB-Fahrplan halten

Die Vorarlberger Regisseurin Brigitte Walk wagt ein grenzüberschreitendes Theaterstück: Gespielt wird in einem umgebauten Zug, während der von Feldkirch über Nendeln nach Buchs fährt und wieder zurück. Und an den drei Bahnhöfen führen Laiendarsteller aus der Region kurze Szenen auf. Für die Zuschauer heisst das: Einsteigen, aussteigen, mehrfach.
Text: Julia Nehmiz, Bilder: Benjamin Manser
Der unscheinbare Bahnhof Nendeln verwandelt sich an sieben Abenden in eine Bühne.
Die Schauspieler proben im Wartesaal, der Laienchor spielt nebenan dieselbe Szene.
Die Schauspieler Helga Pedross aus Bludenz und Thomas Hassler aus Balzers in Aktion.
Die Chordarsteller nehmen in ihrer Szene das Fürstentum aufs Korn.
Ein Bühnenbild? Braucht es nicht. Der Bahnhof Nendeln selber ist Bühne genug.
5 Bilder

Und draussen rauschen die Züge

Der Bahnhof Nendeln leuchtet in den letzten Sonnenstrahlen. Die Kastanienbäume rascheln im Wind. Kein Zug weit und breit, kein Bus, die kleine Bahnstation liegt fast verlassen da. Doch aus dem Gebäude klingt Stimmengewirr, ein Generator rattert, Scheinwerfer erhellen den Wartesaal. Die Probe sollte starten. Doch es sind nicht alle da. Regisseurin Brigitte Walk bleibt gelassen. «Wo sind die Moadle?», fragt sie in ihrem Vorarlberger Singsang. Die Regieassistentin versucht sie anzurufen. Ohne die Moadle kann die Probe nicht starten. Alle warten. Vier Schauspieler, acht Laiendarsteller, Bühnenbilderin, Techniker, Assistentin und Regisseurin Brigitte Walk.

Sie strahlt Ruhe aus. Seit zwei Jahren arbeitet sie an ihrem Projekt «Am Zug». Da kommt es jetzt auf eine halbe Stunde mehr oder weniger nicht an.

Diskurs zu Grenzen, «keine Behübschungskunst»

Mit ihrem Projekt überschreitet Brigitte Walk Grenzen – und zwar gleich mehrfach. Gespielt wird in einem umgebauten Zug, während der von Feldkirch über Nendeln nach Buchs fährt und wieder zurück. Und an den drei Bahnhöfen führen Laiendarsteller aus der Region kurze Szenen auf. Für die Zuschauer heisst das: Einsteigen, aussteigen, mehrfach.

Brigitte Walk arbeitet schon zwei Jahre am Theaterprojekt «Am Zug». (Bild: Benjamin Manser)

Brigitte Walk arbeitet schon zwei Jahre am Theaterprojekt «Am Zug».
(Bild: Benjamin Manser)

Damit alles klappt, müssen Brigitte Walk und ihr Team minutiös die Dauer der Szenen im Zug und an den Bahnhöfen stoppen und die Spielzeiten dann auch einhalten, damit die ÖBB den Theater-Sonderzug in den Fahrplan einbauen kann. «In Buchs müssen wir um 21.45 Uhr abfahren, sonst müssen wir aufs nächste Fahrplanloch warten», sagt Walk. Die ÖBB-Experten berechneten die Geschwindigkeit des Zugs: So lange die Szene dauert, so lange soll er fahren.

Ob es wirklich klappt, wissen sie noch nicht

ÖBB-Lehrlinge bauten den Zug um. In die drei Grossraumwagen kam in die Mitte je eine Bühne, die Sitze wurden ansteigend erhöht und hinten Stehplätze eingebaut. «Alles wurde vom TÜV geprüft», sagt die Regisseurin. Der umgebaute Zug steht in Bludenz, Walk kann mit ihren vier Schauspielern, die aus Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz kommen, dort proben. Doch ob das Zusammenspiel zwischen Zugfahrt, Zugszenen und Bahnhofsszenen wirklich klappt, wissen sie jetzt noch nicht.

Wieso überhaupt will sie mit und in einem Zug Theater spielen, während er fährt? Um das zu erklären, muss sie ausholen – kein Problem, die Moadle sind noch immer nicht aufgetaucht. Die Stadt Feldkirch bat zum 800-Jahr-Jubiläum Künstlerinnen und Künstler, Projekte einzureichen. Man wolle keine Selbstbejubelung, sondern einen Diskurs, eine kritische Auseinandersetzung zu den Themen Humanismus und Grenzen. Brigitte Walk hatte sofort die Idee: Ein grenzüberschreitendes Theaterprojekt sollte es sein. «Keine Behübschungskunst.» Für Walk war klar, es geht um das Verhältnis Vorarlbergs zur Grenze. Und:

«Grenze heisst für mich fahren, nicht nur daheim sitzen.»

Vielleicht war auch die politische Stimmung in Österreich ausschlaggebend für ihr Projekt. «Unter der neuen Regierung änderte sich so schnell die Stimmung, wir gegen die anderen heisst es nur noch.» Es werde viel über Grenzen diskutiert. «Da wo ich lebe, da will ich keine Grenzen», sagt die 58-Jährige.

Sie will hinterfragen, was Grenzen mit uns machen. Sie fragte drei Autoren aus den drei Ländern an: Maximilian Lang aus Vorarlberg, Stefan Sprenger aus Liechtenstein und Rebecca C. Schnyder aus St. Gallen. Die drei sagten sofort zu. Walk besuchte mit ihnen mehrfach die Bahnhöfe, sie fuhren über die Grenzen, loteten sie aus, recherchierten historische Begebenheiten und aktuelle Probleme. Dann schrieben die drei unabhängig voneinander ihre Szenen. Lang für den Chor in Feldkirch, Sprenger für Nendeln, Schnyder für Buchs.

Feldkirch als neue Hauptstadt für Liechtenstein

«Eigentlich inszeniere ich sechs Stücke», sagt Walk. Drei Zuggeschichten, drei Bahnhofsgeschichten.Aber sie fügten sich wunderbar zu einem Ganzen. In Feldkirch geht es um Abschied und Ängste. In Buchs um Aussortieren und Einordnen von Fremden. In Nendeln wird heiter-gallig Feldkirch als neue Hauptstadt auserkoren.

Da fährt ein Auto vor – die Moadle kommen. Im engen Bahnhofsschuppen schwirrt Staub im Scheinwerferlicht, Schauspieler und Chor stellen sich auf. Wie aufs Stichwort braust der Railjet vorbei. Zum ersten Mal proben sie ihre Szene am Originalspielort, parallel in Scheune und Wartesaal. Walk gibt letzte Anweisungen. Sie ist zufrieden. Die Premiere kann kommen.

Premiere «Am Zug» 18.10., Bahnhof Feldkirch, Vorstellungen bis 25.10.; Infos unter walktanztheater.com; Tickets: v-ticket.at

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