Unbequem, aber wichtig

Kino «Zero Dark Thirty» hat in den USA eine heftige Debatte über die moralische Rechtfertigung von Folter ausgelöst. Der für fünf Oscars nominierte Film über die Jagd auf Osama bin Laden läuft ab heute im Kino. Thomas Spang/Washington

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Mit Nachtsichtgerät im Einsatz gegen Osama bin Laden. Szene aus «Zero Dark Thirty» von Kathryn Bigelow. (Bild: pd)

Mit Nachtsichtgerät im Einsatz gegen Osama bin Laden. Szene aus «Zero Dark Thirty» von Kathryn Bigelow. (Bild: pd)

Es beginnt mit einer schwarzen Leinwand. Ein aufgeregtes Durcheinander aus Eil-Nachrichten zum Einschlag der Flugzeuge im World Trade Center, Stimmen und Sirenen gehen über in die beruhigenden Worte eines Mitarbeiters der Notrufzentrale, der panischen Eingeschlossenen versichert, es werde alles gut. Regisseurin Kathryn Bigelow ruft den 11. September 2001 in Erinnerung ohne ein einziges Bild zu zeigen.

Umso dramatischer die erste bewegte Einstellung. Eine düstere Folterkammer am anderen Ende Welt, in der ein arg zugerichteter Mann von der Decke hängt. Sein Peiniger schneidet den Strick los, um Ammar, den verdächtigen Gefolgsmann Osama bin Ladens, einer brutalen Prozedur zu unterziehen, die als «Waterboarding» oder simuliertes Ertrinken bekannt ist. Die junge CIA-Mitarbeiterin Maya (Jessica Chastain) verfolgt das Geschehen im Geheimgefängnis in Pakistan mit professioneller Abgeklärtheit.

Willensstarke CIA-Agentin

Sie ist die Heldin der Geschichte der zehnjährigen Jagd auf den Terrorfürsten, die Bigelow auf Grundlage des Drehbuchs von Mark Boal zum zweieinhalbstündigen Doku-Drama kondensiert hat. Ein für Hollywood ungewöhnlich komplexer Film, der vor moralinsauren Gut-Böse-Mustern zurückschreckt. Seine Intensität erhält er durch die Augenzeugenberichte, die «Zero Dark Thirty» verarbeitet. Wobei seine Macher sich die Freiheit genommen haben, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen.

Die willensstarke Maya ist besessen von dem Wunsch, Osama bin Laden zu finden. Während einige ihrer Vorgesetzten in der pakistanischen CIA-Aussenstelle mehr um die eigene Karriere besorgt sind als den Drahtzieher des 11. September zu finden, setzt sie mühsam das Puzzle zusammen, das in der erfolgreichen Kommandoaktion auf das Versteck des Al-Qaida-Chefs in Abbottabad mündet.

Drastische Folterszenen

Maya hat nicht die geringsten Skrupel, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, die Informationen zu bekommen, die sie benötigt. Stichwort «spezielle Verhörmethoden», die unter George W. Bush erlaubt waren. In den beiden Folterszenen des Films vermittelt Kathryn Bigelow einen drastischen Eindruck, was sich hinter dem technokratischen Begriff verbirgt. «Zero Dark Thirty» moralisiert aber nicht, sondern beobachtet und überlässt das Urteil den Zuschauern.

Entsprechend heftig wird in den USA die Diskussion über den dichten Film geführt. Einflussreiche Politiker wie der neue Aussenminister John Kerry und Senator John McCain beanstanden, Bigelow suggeriere, Folter habe zu dem entscheidenden Hinweis auf den Kurier Osama bin Ladens geführt. In einem Beschwerdeschreiben an das Studio Sony Pictures drücken die Senatoren ihre «tiefe Enttäuschung» über die «inakkuraten und irreführenden Darstellungen» aus. «Wir wissen das grausame, inhumane und herabwürdigende Behandlung von Gefangenen zu unzuverlässigen Informationen führt und höchst ineffektiv ist.»

Ein Teil des CIA-Repertoires

Jose Rodriguez, der als Antiterror-Berater Bushs die «speziellen Verhörmethoden» des CIA überwachte, ist anderer Ansicht. «Der erste substanzielle Hinweis auf den Kurier kam 2004 von einem Gefangenen, der einigen dieser Methoden ausgesetzt war.» Der Film übertreibe aber in der Darstellung des Geschehens. In seiner Zuständigkeit sei niemand blutig geschlagen worden. Und statt eines Eimers seien bei den drei Terrorverdächtigen, die «Waterboarding» erdulden mussten, «kleine Plastikflaschen» eingesetzt worden.

Der Terrorismus-Experte Peter Bergen meint, die Frage, was letztlich zum Durchbruch bei der zehnjährigen Jagd auf Bin Laden geführt habe, werde sich nicht abschliessend klären lassen. «Egal wie effektiv diese Verhörmethoden waren, sie haben stattgefunden.» Dass die harsche Behandlung von Gefangenen bis zur Präsidentschaft von Obama zum CIA-Repertoire gehörte, ist der Teil der Geschichte, auf die sich alle Seiten verständigen können.

Winselnd in der Kiste

Bigelow bezieht in ihrer künstlerischen Interpretation der Ereignisse keine leicht erkennbare Position, aber gibt Hinweise. An einer Stelle fordert Maya ihren Kollegen Dan auf, mit dem Verhör Ammars weiterzumachen. Dieser zwängt den verdächtigen Terroristen in eine viel zu kleine Kiste. Er winselt, weint, aber beharrt darauf, nichts über geplante Anschläge zu wissen. Schnitt nach Saudi-Arabien, wo Terroristen ein Massaker verübt haben. Später sitzen Dan und Maya dem Ammar an einem Tisch gegenüber und bieten ihm Essen und eine Zigarette an. In diesem Kontext gibt er den entscheidenden Hinweis auf den Kurier, der auf die Spur zu Bin Ladens Versteck führt.

Es bleibt offen, was den Ausschlag zur Kooperation gab – die humane Behandlung am Tisch oder alles was davor kam. Gewiss wird diese Frage sowie die ethische Debatte auch das Publikum in anderen Teilen der Welt zum Nachdenken anregen und eine Diskussion über Folter bewirken. «Zero Dark Thirty» ist ein unbequemer, aber wichtiger Film.

Ab heute in den Kinos

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