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(Un-)Heilbronner Katharina

Das Theater St. Gallen brachte in der Lokremise Heinrich von Kleists historisches Ritterspiel «Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe» heraus. Es gab kein wirkliches Frühlingserwachen.
Brigitte Schmid-Gugler
Hanna Binder als das an die grosse Liebe glaubende Käthchen von Heilbronn in der Inszenierung von Jérôme Junod. (Bild: Tine Edel)

Hanna Binder als das an die grosse Liebe glaubende Käthchen von Heilbronn in der Inszenierung von Jérôme Junod. (Bild: Tine Edel)

Warum? Die Frage klebt im Theatersaal wie der (vor-)letzte Schnee auf dem Gäbris: Warum spielt man heute Heinrich von Kleist? Und warum ausgerechnet sein historisches Ritterspiel, das von einer jungen Frau handelt, die blind einem Mann folgt, den ein Engel ihr im Traum als ihren zukünftigen Liebsten offenbart? Das 15seitige Programm (plus 20 pralle Seiten Werbung) deutet das Kleistsche Märchen als ein «Vexierspiel der Zuschreibungen», die hier gar munter ausgelegt werden. Wenn es dem Bildungsauftrag des Hauses entspricht, dann müsste sich das Stück auch an ein junges Theaterpublikum richten.

Nur: Kann man junge, kritische, digital vernetzte Menschen mit einem Verschnitt aus der Kraft des Unbewussten, historischen Kostümteilen, Ninja-Kämpfern, einem Schwingbesen schwingenden, mit einem zackigen Einrad ausgerüsteten Ritter, als wollte er den Reisbauern zu Hilfe radeln, heute noch für einen klassischen Theaterstoff begeistern?

Keine dämonische Kraft

Dabei beginnt der Abend vielversprechend: Ein zerknirschter Vater Friedeborn steht vor dem Femegericht, um den Grafen vom Strahl anzuklagen, der sein Käthchen von Heilbronn (wunderbare Hanna Binder) verzaubert haben soll. Warum sonst wäre sie seinetwegen aus dem Fenster gesprungen und hätte sich dabei beide zarten Lendchen gebrochen? Warum sonst liefe das junge Mädchen seit dem ersten Treffen mit dem Strahlegrafen wie eine Traumwandlerin hinter diesem her? Regisseur Jérôme Junod hat hier einen glänzenden Einfall gehabt. Alexandre Pelichet als Käthchens Vater Theobald Friedeborn spricht, in langen verfilzten grauen Haaren und Ledermantel, ins Publikum. Der urteilende Rat ist somit hundertfach anwesend und doch unsichtbar: Die Stimmen des Gerichts kommen ab Band – mal ernste, mal belustigte Fragen nach dem «Warum» von Käthchen «Unart». Und Friedeborn, in seinem mass- und sprachlosen Entsetzen über das Vorgefallene, formt die Lippen schon lange vor dem Laut, den er zu sprechen anlegt. Der in blauen Boxershorts angetretene Graf vom Strahl (Sven Gey) ist ebenso fasziniert wie befremdet über die Annäherungsversuche der jungen Frau. Das Käthchen selbst verheddert sich im ausgelegten schwarzen Tüll, (Bühne von Lydia Hofmann), als hinge es in Fangnetzen.

Kein Happy End

Mit diesem Auftakt endet die Spannung weitgehend. Es gibt da und dort Momente, Einfälle, parodierende Figuren, die die Szenen aufbrezeln – Bruno Riedl ist als Kaiser und als täppelnde Haushälterin im gräflichen Schloss ein echtes Schmankerl. Zwar bemüht sich ein starkes Ensemble sehr darum, die Einfallslosigkeit der Regie zu kaschieren. Die Historie des Stücks – die Uraufführung fand 1810 in Wien statt – wird durch Kleists Sprachrhythmus und dessen dichterische Gestaltung einfühlsam vermittelt. Doch wer diese Aufführung besucht, ohne die Geschichte gut zu kennen, wird aus gewissen Szenen kaum schlau werden – etwa dann, wenn die Kammerzofe Rosalie (Meda Gheorghiu–Banciu) ihrer Herrin, der teuflischen Nebenbuhlerin und Giftmischerin Kunigunde von Thurneck (Boglárka Horváth) an den offenen Rückenwirbeln herumschnipselt, als müsste sie H. R. Giger Modell sitzen.

Gut gelungen ist der Schluss, wenn das Licht ausgeht, bevor sich Käthchen, ein seitenentsprungener leiblicher Sprössling des Kaisers, den Braut- und Königinmantel umlegen lässt – und man gerne mit der Frage schliesst: Warum?

Aufführungen bis Mitte Mai, Lokremise St. Gallen

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