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Umwortung aller Worte

Nonsense-Literatur Dem höheren Unsinn in Bild und Wort widmet sich die neue Ausstellung im Zürcher Strauhof: Mit Beispielen vom Limerick über «Alice im Wunderland» bis hin zu Kaspar Fischers «Untierhaltung». Bettina Kugler

Bevor Lachen erlaubt ist, stolpert man auf den ersten Schritten in Richtung Nonsense beinahe über ein im Weg stehendes Warndreieck. «Didaktik!» steht darauf, und die leuchtende Signalfarbe macht unmissverständlich deutlich, dass hier nicht nur die theoretischen Grundlagen einer schillernden literarischen Gattung auf den Flipchart kommen. Wer den Nonsense beim Wort nimmt, wird ein so ernsthaftes Unterfangen von Beginn weg augenzwinkernd auf Abwege des Unsinns leiten. Und das lässt sich Kurator Thomas Bodmer nicht nehmen.

Literatur ohne Moral

Um die «Umwortung aller Worte» geht es, mit Christian Morgenstern gesprochen, in der neuen Strauhof-Ausstellung «Nonsense – Spielarten einer merkwürdigen Literaturgattung». Morgenstern ist als Autor stilbildender «Galgenlieder» auch eine der Hauptfiguren; erinnert sei an Gedichte wie «Das grosse Lalula» oder «Das ästhetische Wiesel», an grafische Poesie wie «Fisches Nachtgesang» oder «Der Trichter». Zuvor widmet sich der Parcours ausgiebig und historisch korrekt dem sehr britischen Humor eines Edward Lear, den logischen Spielereien eines Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt als Lewis Carroll, Autor von «Alice im Wunderland» und «Alice hinter den Spiegeln». Als eigentlicher «Erfinder» des gehobenen Blödsinns wird Edward Lear gekürt, geboren 1812 als zwanzigstes von 21 Kindern, mit zarten sieben Jahren bereits Epileptiker und geplagt von Depressionen – was seinen skurrilen Schöpfungen nicht anzumerken ist. Er zeichnete mit kindlichem Vergnügen botanische Raritäten, erfand etwa die «Breitflüglige Summglockenblume» oder die «Krebsrote Zwicknessel», schuf Nonsense-Alphabete und Limericks auf seltsame Zeitgenossen. Nicht ohne auf subversive Art der erwähnten «Umwortung aller Worte» Vorschub zu leisten. Denn eine Literatur ohne Moral war seinerzeit Affront genug; unter dem Deckmantel kindischer «Nursery Rhymes» erlaubten sich Lear und seine Nachfolger Frechheiten, die sonst im sittenstrengen England nicht möglich waren.

Überfülle an Bedeutung

Welchen Spielregeln aber folgt Nonsense? Vor allem den Gesetzen der Sprache: indem mustergültig neue Wörter geschaffen werden, wie in Franz Hohlers «Bärndütschem Gschichtli» oder Lewis Carrolls berühmtem «Jabberwocky», in der schon klassischen deutschen Übersetzung von Christian Enzensberger: «Verdaustig wars, und glasse Wieben / Rotterten gorkicht im Gemank; / Gar elump war der Pluckerwank, / Und die gabben Schweisel frieben». Grammatikalisch einwandfrei, drängelt sich in fast jedes Wort eine Überfülle an Bedeutung, und alles bloss zum Spass, wie die gewitzten Fussnoten beweisen, etwa zum Wort «Verdaustig»: «Vier Uhr nachmittags, wenn man noch verdaut, aber schon wieder durstig ist.» Wer kennt das nicht?

Eine andere Ordnung

Was in der Wirklichkeit sicher nicht zusammenfindet, verbündet sich augenzwinkernd im Nonsense; das Tierreich erweitert sich um Zwöllefant, Gürtelstier und Tagigall, und kaum hat man sich an solche Wesen gewöhnt, schon zeigen sie wieder ein anderes Gesicht, gilt eine andere Ordnung der Welt. Die durch die Hintertür selbstredend Rückschlüsse auf die Wirklichkeit erlaubt und vertraute Sinnsysteme im Zerrspiegel zeigt.

Ein Spiegelkabinett mit Schachbrettboden widmet sich Lewis Carroll und seiner Liebe zur kleinen Alice; von der ihr geschenkten handschriftlichen Version mit Tuschezeichnungen und seinen illustrierten «Briefen an kleine Mädchen» geht ein eigener Zauber aus. Die Gerüchte um Carrolls Pädophilie werden nicht schlichtweg zu Nonsense erklärt, doch dass der Mathematik-Professor wie Peter Pan ewig Kind bleiben wollte, scheint auch nur die halbe Wahrheit zu sein.

Manuskripte und Hörstationen

Die obere Etage im Strauhof gehört den «Titanic»-Gründern Robert Gernhardt, F. K. Waechter und F. W. Bernstein sowie dem Vorläufer-Modell des deutschen Satiremagazins, genannt «Pardon» (was wohl nicht ernst gemeint war). Kurze Seitenblicke fallen auf Dadaisten wie Kurt Schwitters, die russische Avantgarde eines Daniil Charms oder den französischen Surrealismus. Wo immer möglich, werden Manuskripte und Zeichnungen ergänzt durch Hörstationen mit Gedichten und Vertonungen. Und Kaspar Fischer ist als «Gemüsesuppe» in Aktion auf DVD zu erleben – umgeben von Schöpfungen aus seinem höchst skurrilen Kosmos. «Läbigi Zwergli git s nöd?» Unsinn. Es ist nur eine Frage der Antennen.

Bis 3. Juni 2012

Humpty Dumpty. Aquarell, 2011. Eigens für die Nonsense-Ausstellung im Museum Strauhof gemalt. Humpty Dumpty aus: Lewis Carroll, Through the Looking-Glass, and What Alice Found There. (Bild: Nikolaus Heidelbach)

Humpty Dumpty. Aquarell, 2011. Eigens für die Nonsense-Ausstellung im Museum Strauhof gemalt. Humpty Dumpty aus: Lewis Carroll, Through the Looking-Glass, and What Alice Found There. (Bild: Nikolaus Heidelbach)

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