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UMNUTZUNG: Ein Rathaus nur für Kultur

Drei junge Toggenburger haben Grosses vor: Das alte Lichtensteiger Rathaus soll zu einem Haus der Kultur werden. Die Initianten werden unterstützt vom Stadtpräsidenten, doch nicht alle Lichtensteiger sind vom Projekt überzeugt.
Julia Nehmiz
Sirkka Ammann, Maurin Gregorin und Maura Kressig im Lichtensteiger Rathaus. (Bild: Ralph Ribi)

Sirkka Ammann, Maurin Gregorin und Maura Kressig im Lichtensteiger Rathaus. (Bild: Ralph Ribi)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@tagblatt.ch

Ein bisschen grössenwahnsinnig klingt es, oder auch naiv. Vielleicht ist es aber einfach genial? Doch enthusiastisch, das sind die zwei: Maura Kressig (24) und Sirkka Ammann (27). Sie haben sich Maurin Gregorin (30) als Wirtschaftsfachmann ins Boot geholt. Die drei wollen aus dem alten Lichtensteiger Rathaus einen Ort für Kunst machen. Es soll der Treffpunkt für Kunst werden im Toggenburg: Das «Rathaus für Kultur».

Die Verwaltung zieht im Herbst aus. Was anfangen mit dem alten Rathaus, das denkmalgeschützt die Hauptgasse überblickt? Die drei jungen Macher wollen das Rathaus beleben, neu und anders. Mit Ateliers für Künstler, die im Rathaus Veranstaltungen durchführen. Mit einem Büro als Beratungs- und Kooperationsstelle, das einen Kulturkalender aufbaut für sämtliche Veranstaltungen im Toggenburg. Und: Es soll Wohn- und Arbeitsplätze geben für fünf junge Künstler aus aller Welt, die als Artists in Residence für ein paar Monate in Lichtensteig leben und arbeiten.

Die Initianten sind jung, aber nicht unerfahren

Sirkka Ammann und Maura Kressig führen durchs alte Gemäuer. Im ersten Stock, wo heute der Empfangsschalter ist, wird ein Bistro entstehen. Hier eine Sitzgruppe, dort die Küche, alles mit WLAN und ohne Konsumzwang. Nebenan soll ein Ausstellungsraum Bistrobesucher zu Kunstbetrachtung einladen.

Unerfahren sind die drei nicht. Die Wattwilerinnen Sirkka Ammann und Maura Kressig entwickelten als Maturaarbeit eine Plattform für junge Kunst. «Arthur Junior» brachte Kunst an ungewöhnliche Orte, organisierte Ausstellungen und Kunstvermittlung. Noch sind sie in der Planungsphase. Im Herbst erhielten sie die Zusage der Gemeinde, dass sie ihr Projekt «Rathaus für Kultur» ausarbeiten können. Sie stecken mitten im Entwickeln, schreiben Anträge für Fördergelder und Sponsoren – und sind guten Mutes.

Noch amtet die Lichtensteiger Verwaltung im alten Gemäuer. Im Steueramt, wo ab Herbst Kunst ausgestellt werden soll, türmen sich Aktenstapel vor der nüchtern grauen Büroeinrichtung. Die drei Kunstenthusiasten stört das nicht. Voller Elan und mit ansteckender Begeisterung zeigen sie «ihr» Rathaus, im Treppenhaus sehen sie schon die Lounge, im zweiten Stock die Ateliers und Probenräume, die vermietet werden sollen. Eine Wand soll weichen, der Spannteppich kommt raus, und alles soll gestrichen werden.

Zwei bis drei Kunstschaffende sollen sich einen Atelierraum teilen. «Wir wollen Begegnungen fördern», sagt Sirkka Ammann. Erste Interessenten haben sich schon als Mieter angemeldet.

«Lichtensteig muss sich neu erfinden»

Doch am Abend Ende Februar, als die drei ihr Projekt öffentlich vorstellen, schlägt ihnen im voll besetzten Saal viel Gegenwind entgegen. Eine Frau bemängelt, dass die Bevölkerung nicht gefragt wurde, ob man ein Rathaus für Kultur wolle. Es kommen Fragen zur Finanzierung, was es die Gemeinde kostet. Begegnung schön und gut, wirft ein Mann ein, «aber woher sollen denn die Leute kommen?» Im Städtli sei ja niemand unterwegs. Das Projekt behaupte, Kultur für alle anzubieten, sagt eine Frau, «aber Menschen mit einer Gehbehinderung kommen gar nicht ins Haus».

Genau deswegen zieht die Verwaltung aus. Um das Rathaus allen zugänglich zu machen, hätte ein Lift eingebaut werden müssen – kompliziert wegen des Denkmalschutzes und teuer.

«Für Investoren ist das Gebäude uninteressant», sagt Mathias Müller. Der 35-jährige CVP-Politiker ist seit fünf Jahren Lichtensteigs Stadtpräsident und offen für alternative Konzepte. «Lichtensteig muss sich neu erfinden», sagt er. Textilindustrie: Praktisch nicht mehr vorhanden. Tourismus: Findet woanders statt. Das Einkaufsverhalten: Hat sich geändert. Die Lösung: Lichtensteig will sich als Kulturstadt etablieren. Müller will gestalten, auch mit wenig Geld. Und wenn er von den Projekten erzählt, die durch Bürgerbeteiligung entstanden sind, klingt es, als sei jede und jeder der 1900 Lichtensteigerinnen und Lichtensteiger in mehreren Projekten involviert. Spielplatzausbau, Rebberg-Belebung, Umbau der Kalberhalle, die Liste nimmt kein Ende.

Müller glaubt an die drei jungen Initianten. Und: Für die Gemeinde sei das nur mit wenig Risiko verbunden. Man unterstütze das Rathaus für Kultur mit jährlich 20000 Franken. Die Initianten kommen für Unterhalt und Nebenkosten auf, Miete zahlen sie der Stadt keine. Der Gebrauchsleihvertrag zwischen Stadt und Initianten läuft fünf Jahre.

Scheitern? Daran denken die drei Kunstermöglicher nicht. Klar, noch sei nicht sicher, ob sie alle Gelder auftreiben, die sie zur Realisierung des Projekts brauchen. Aber sie sind dran. Und die vielen Fragen, die in der Diskussion gestellt wurden, die wollen sie alle beantworten. Denn: Sie wollen Lichtensteig beleben. Attraktiv machen für junge Leute. Dafür investieren sie viel Kraft und Herzblut.

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