Umbauen statt abreissen: Diessenhofener Architekturbüro liefert fünf Rezepte für einen verantwortungsvollen Umgang mit Altbauten

Moos, Giuliani, Herrmann veröffentlichen ihr gesammeltes Fachwissen aus 25 Jahren in einem Buch und stellen darin zehn beispielhafte Bauprojekte vor.

Christina Genova
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Die Villa Rosenheim in Diessenhofen wurde durch einen Neubau erweitert.Hier ein Einblick in den Kundenbereich. Oben links ist eine Installation des Künstlers Yves Netzhammer zu sehen: An der Stange des Minivisiers hängt ein gewöhnlicher Plastiksack .

Die Villa Rosenheim in Diessenhofen wurde durch einen Neubau erweitert.Hier ein Einblick in den Kundenbereich. Oben links ist eine Installation des Künstlers Yves Netzhammer zu sehen: An der Stange des Minivisiers hängt ein gewöhnlicher Plastiksack .

Bild: Beat Bühler

Am Anfang steht immer die Frage: «Was finden wir vor?» Einen Ort und seine Gebäude zu lesen und zu verstehen, ist für das Diessenhofener Architekturbüro Moos, Giuliani, Herrmann zentral. 1995 gegründet, hat es weitere Filialen in Schaffhausen, Uster und Andelfingen. Partner Roman Giuliani ist in Diessenhofen aufgewachsen.

Die 25 Jahre des Bestehens feiern die Architekten, die sich einen Namen mit der sorgfältigen Renovation von Altbauten und deren Umbau gemacht haben, mit dem Buch «Transformieren und weiterbauen». Es ist beim St. Galler Vexer-Verlag erschienen. Darin vermitteln sie ihre grosse Erfahrung in Form von fünf Rezepten, die sie anhand von zehn realisierten Projekten veranschaulichen.

Das Architekturbüro Moos, Giuliani, Herrmann haben die historistische Villa Rosenheim durch einen Annexbau erweitert. Die Visiere sind Teil des Kunst-am-Bau-Projekts von Yves Netzhammer.

Das Architekturbüro Moos, Giuliani, Herrmann haben die historistische Villa Rosenheim durch einen Annexbau erweitert. Die Visiere sind Teil des Kunst-am-Bau-Projekts von Yves Netzhammer.

Bild: Beat Bühler

So entspricht die Anfangsfrage Rezept eins «Bestand kennen und lesen». Kurze Beiträge von Beatrice Sender, bis 2014 kantonale Denkmalpflegerin im Thurgau, und dem ehemaligen ETH-Dozenten Ruggero Tropeano ergänzen den Band. Die verständlich geschriebenen Texte richten sich keineswegs nur an ein Fachpublikum, sondern auch an interessierte Laien.

Ein Neubau, um den Altbau zu bewahren

Die originale Bausubstanz der Villa Rosenheim konnte weitgehend erhalten werden.

Die originale Bausubstanz der Villa Rosenheim konnte weitgehend erhalten werden.

Bild: Beat Bühler

Zu den im Buch beschriebenen beispielhaften Projekten gehören drei aus Diessenhofen: das ehemalige Restaurant Hirschen, das Verwalterhaus St.Katharinental und die Villa Rosenheim. Letztere wurde im Jahr 1900 als Wohn- und Ladenlokal gebaut. Im Auftrag der Raiffeisenbank, der neuen Besitzerin, renovierten Moos, Giuliani, Herrmann das Gebäude sanft. Deckenmalereien, Wandmarmorierungen und intarsierte Terrazzo- und Parkettböden konnten in der historistischen Villa erhalten werden. Dies entspricht ganz Rezept zwei: «Atmosphären erhalten und stärken».

Gemäss Rezept drei «Eingriffstiefe» wurde der Altbau durch einen Neubau ergänzt. Denn die Diessenhofener Architekten sind überzeugt, dass ein bestehendes Gebäude für eine zeitgemässe Nutzung häufig weitergebaut werden muss. Dabei soll möglichst wenig verändert werden.

Der Neubau mit der rosenbewachsenen Fassade liegt im Park, der zur Villa Rosenheim gehört.

Der Neubau mit der rosenbewachsenen Fassade liegt im Park, der zur Villa Rosenheim gehört.

Bild: Beat Bühler

Der Annex wurde nötig, weil die denkmalgeschützte Villa Rosenheim keine Umnutzung zuliess, welche die Anforderungen einer modernen Bank in Bezug auf Technik, Sicherheit und Rollstuhlgängigkeit erfüllt hätte. Beim Entwurf des Anbaus wurde Rezept vier «Ablesbarkeit der Eingriffe» beachtet: Die Anbindung an die Villa ist dank einer grossen Fensteröffnung im neuen Verbindungstrakt gut ersichtlich. Ausserdem nimmt der Neubau mit seiner rosenbewachsenen Fassade Bezug zum angrenzendem Park. Auch in Kunst am Bau wurde investiert: Die Installation aus Bauvisieren im Aussenraum führt Künstler Yves Netzhammer im Innern des Anbaus fort: In der Kundenzone hat er zwei Minivisiere angebracht. An einer der Stangen hängt ein Plastiksack – so beiläufig und selbstverständlich, wie sich die Eingriffe von Moos, Giuliani, Herrmann in bestehende Bauten einfügen.

Moos, Giuliani, Herrmann: Transformieren und weiterbauen. Vexer, 240 S., Fr. 44.–