Übler Schurke namens Ubu

In der St. Galler Lokremise gab's am vergangenen Freitag die Premiere von «König Ubu» zu sehen. Ein aberwitziges, furioses, absurdes, bissiges Spektakel über die Gattung Mensch und seine Niedertracht.

Brigitte Schmid-Gugler
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Zwischen den gespreizten Beinen von Mutter Ubu: Tim Kalhammer-Loew als verfressene Dumpfbacke König Ubu im gleichnamigen Schauspiel von Alfred Jarry.

Zwischen den gespreizten Beinen von Mutter Ubu: Tim Kalhammer-Loew als verfressene Dumpfbacke König Ubu im gleichnamigen Schauspiel von Alfred Jarry.

ST. GALLEN. Du meine Güte!, könnte man ausrufen. Noch besser wäre: Sapperlot! Am besten aber kriegt man's hin mit «Schreisse», oder, wie in der deutschen Originalfassung des Stücks: «Schoisse, Himmelherrgottsakrament» – ist das gutes Theater! Ein Hör-, Seh- und Augenschmaus, wie man sich's parodistischer nicht wünschen kann. Gleich zu Beginn erfolgt die Warnung ans Publikum: Es wird derb zugehen, sprachlich und gestisch. Moralinsaure Geister könnten allergische Reaktionen zeigen ob dem vielen «Scheisse», dem Geschleime, dem Gerotze und Gefurze.

Über dem ersten verspielten Cha-Cha-Cha (Musik: Dirk Raulf) bricht es laut und brachial aus dem Hinterteil des verfressenen Vater Ubu heraus. Mutter Ubu, mit roten Stiefeln, Netzstrümpfen und roter Mähne, will hoch hinaus. Ihre Tolle mit dem hohen Stirnansatz mahnt an die ausrasierten Haaransätze der Frauen im 17. Jahrhundert und somit an die direkte Verbindung zu Lady Macbeth. Jener Figur, die Alfred Jarry Modell stand, als er das Shakespeare-Thema zu seinem Lebenswerk erklärte und an ihm festhielt, bis er im Alter von nur 34 Jahren verarmt in Paris starb. Ein Dadaist der ersten Stunde, eine Absurdität in Persona – er soll sich, so steht es überliefert, einen Zahnstocher ans Sterbebett gewünscht haben.

Ubus, wohin man schaut

Im Jahr 1896 war sein «König Ubu», ursprünglich aus einem Schülerschwank heraus entwickelt, in Paris uraufgeführt worden. Jarry wurde ausgebuht und für nicht ganz gebacken erklärt, weil der obszöne «König Ubu» keiner kausal-logischen Handlung folgte. Doch die absurden Machenschaften auf diesem Planeten sollten ihm Recht geben: «König Ubu» stand und steht bis heute für Einzelmasken unter der Gattung Mensch: Sie führen als Staats- und Kirchenoberhäupter, CEOs, Sportfunktionäre, Kaderleute und Kleinstprotze die Hitparade der Grössenwahnsinnigen an. Mutter Ubu setzt ihrem Gemahl, dem dumpfen Kasper in Wrestling-Montur und mit fettem Wanst, einen Floh ins Ohr. Er, ein Dragoner-Hauptmann, soll den Polen-König Wenzeslaus und dessen Familie ins Jenseits befördern und sich selber die Krone aufs Haupt setzen. Ubu, ein selbstherrliches, feiges Rauhbein mit Spatzenhirn, findet die Idee reizend und befiehlt seinen Lakaien, den König zu erdolchen.

Fortan lässt er alle durch den Fleischwolf drehen, die ihm auf dem Weg zur Vermehrung seiner Reichtümer im Weg sind. Adlige, Finanzbeamte, Ratsherren, (lispelnde) Richter, Bauern. Nach unzähligen Feldzügen und Schlachten flieht König Ubu übers Meer zurück nach Frankreich.

Travestie und Spielzeug

In der Lokremise wird die Wand zum Foyer gehisst, wohin die Schaluppe gen Horizont entschwindet. So imaginär indes wie die gesamte Szenerie, gebaut auf einer Rundbühne (Bühne und Kostüme: Ulrich Leitner) um die mittlere Säule mit drei Rampen. Auf ihnen und um sie herum hetzt, wetzt und strauchelt die von Regisseur Martin Schulze zu schauspielerischen Höchstleistungen «gepeitschte» Truppe.

Zwei Stunden dauern die Strapazen fürs Bauchfell. Tim Kalhammer-Loew als König Ubu darf sogar ganz legitim seinen Text vergessen; Silvia Rhode als Mutter Ubu ist eine herrlich ordinäre Schlampe; Romeo Meyer, Oliver Losehand, Marcus Schäfer, Wendy Michelle Güntensperger in wechselnden Rollen und improvisierten Einlagen geben alles. Zur Hand gehen ihnen dabei der ziemlich abgefahrene Griff in die Verkleiderli-Kiste und ein weiterer ins Arsenal der Kinderspielzeuge: Sie dürfen mit Schaumstoffrohren aufeinander eindreschen und die Hellebarden und Säbel von einst als «Splitterbomben» und «Kalaschnikows» verkaufen. Es lebe «König Ubu», es lebe das absurde Theater der Wirklichkeit.

19., 20., 22., 25., 26., 29. Mai; 3., 5. Juni jeweils 20 Uhr, Lokremise St. Gallen