Überraschende Nachbarn

Das Vorarlberg Museum bereichert Bregenz nicht nur architektonisch mit einem verspielten Bau. Einzigartig und überaus verblüffend ist auch seine Art, Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs aufzuarbeiten. Rolf App

Drucken
Teilen
Stoffe aus Lustenau sind in Lagos der letzte Schrei – und ein Thema fürs Vorarlberg Museum. (Bild: Adolphus Opara)

Stoffe aus Lustenau sind in Lagos der letzte Schrei – und ein Thema fürs Vorarlberg Museum. (Bild: Adolphus Opara)

Wo liegt Vorarlberg? Mitten in Europa oder am Rand Österreichs? Gehört es zum Bodenseeraum, zur Schweiz, zu Schwaben oder zu Österreich? Erst im 18. Jahrhundert erhält Vorarlberg seinen Namen, erst im 19. Jahrhundert bekommt es seine heutige Gestalt. Vorarlberg: das ist unsere Nachbarschaft.

Menschen oder Fakten?

Doch was ist das für eine Nachbarschaft? Wie sieht sie sich? Ein normales Museum würde das fein säuberlich und sehr systematisch darlegen. Mit Zeittafeln, mit Bildern von Herrschern oder Präsidenten. Es würde versuchen, umfassend zu informieren – und damit seine Besucher langweilen. Die Menschen würden verschwinden hinter den Fakten.

Das Vorarlberg Museum in Bregenz ist nicht so, das zeigt es schon in seinem Äusseren. Vorne, gegen den See hin, ist eine klassizistische Fassade stehengeblieben, hinten schliesst, leicht abgewinkelt, ein Neubau an. Wuchtig in seinen Dimensionen, filigran in seiner Struktur – so elegant, wie moderne Architektur sein kann. Eine Eleganz, die man etwa in St. Gallen nicht nur im Falle der Fachhochschule beim Bahnhof schmerzlich vermisst. Bregenz dagegen hat schon mit dem Kunstmuseum von Peter Zumthor und dem Festspielhaus von Dietrich Untertrifaller gezeigt, wie moderne Architektur glücken kann.

Das eine Geheimnis des Vorarlberg Museums liegt in der Fassade. Schon in einer frühen Phase haben die Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturn den Südtiroler Künstler Manfred Alois Mayr beigezogen. Er hat in den Böden handelsüblicher Pet-Flaschen 16 656 «Blüten» nachgiessen lassen, deren Anordnung dann der Schweizer Architekt und Mathematiker Urs Beat Roth so ausgetüftelt hat, dass sich nichts wiederholt. Der Effekt: Das Gebäude wirkt zugleich streng und verspielt.

Im Innern betritt man dann eine andere Welt. Brauntöne beherrschen das Bild: dunkle Messingbeschläge, Eichenholzböden, Lehmputz. In ein 24 Meter hohes Atrium fällt vom Dach her Licht, in den oberen drei Stockwerken zweigen von einem breiten Korridor die räumlich flexibel unterteilbaren Ausstellungen ab.

Erkenntnis durch Überraschung

Diese Ausstellungen sind das andere Geheimnis. Sie bieten nicht nur Erkenntnis, sondern viel Überraschung. Zum Beispiel in «Sein & Mein». Untertitel: «Ein Land als akustische Passage.» Kleine Schaukästen, darüber und daneben Lautsprecher. Immerzu hören wir jetzt Stimmen.

Ein Kind stirbt

In einer Vitrine Bilder einer Familie aus Hittisau. Die daneben gehängte Etikette erklärt, eines der Kinder sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus dem Lautsprecher hören wir die Mutter von diesem Unfall erzählen, der mitten auf der Dorfstrasse geschah.

In einer andern Vitrine bunte Tücher und Kleidungsstücke, goldfarbene Schuhe, alles ziemlich grell. Es gehört einem 18-Jährigen, der Kleiderdesigner werden will und von sich und seinen Zukunftsplänen erzählt. Zukunftspläne, Schicksalsschläge – zwischen diesen Polen kann Leben sich abspielen.

Doch gehen wir zurück zur Anfangsfrage: Was ist Vorarlberg? Im Korridor steht ein Relief. Allerdings ist es in vier Teile zersägt, es signalisiert Zerrissenheit. Sie findet sich wieder in «Vorarlberg. Ein Making of», wo die Landesgeschichte in Requisiten punktartig beleuchtet und oft auch kontrastiert wird. Da hängt das Tourismusplakat neben der Heiligendarstellung, der Pokal des Ski-Weltcup-Siegers Marc Girardelli steht neben dem Modell des islamischen Friedhofs in Altach, der Sträflingsanzug des NS-Opfers und Dichters Max Riccabona in der Nähe des Sonntagsanzugs eines türkischen Zuwanderers.

Berühmte Vorarlberger

Auch die Galerie berühmter Vorarlbergerinnen und Vorarlberger hat es in sich. Die Malerin Angelika Kauffmann macht sehr konventionell den Anfang. Später stossen wir auf Barbara Kuenin, das Opfer eines Hexenprozesses, auf die Widerstandskämpferin Maria Stromberger, auf Hermann Rhomberg, den Begründer der Dornbirner Messe, der sehr gut mit den Nazis zusammengearbeitet hat. In Ida Bammert-Ulmer begegnen wir der ersten Profi-Journalistin des Landes – einer modernen Frau, die Hitler tief bewundert hat.

Lagos meets Lustenau

Schon die Römer haben sich in Bregenz niedergelassen, ein Gräberfeld erzählt davon – und eine Ausstellung, die mit einem gut gemachten Zeichentrickfilm und diversen Aufgaben zum Mitmachen anregt. Vorarlberg und die Fremde, damit hat Lustenau Erfahrung. Seit den Sechzigerjahren trägt man in Lagos, Nigeria, Lustenauer Spitzen, und in der Ausstellung «Lustenau Lagos African Lace» tut sich ein buntes Stoff-Panorama aus afrikanischer Lebensfreude und Vorarlberger Handwerkskunst auf.

Lebensfreude: Auch das vermittelt dieses einzigartige Museum.

Das Vorarlberg Museum befindet sich am Kornmarktplatz. Es ist bis zum 18.August täglich bis 20 Uhr geöffnet, am Donnerstag bis 21 Uhr. www.vorarlbergmuseum.at

Verspielte Formen nehmen der Fassade ihre einschüchternde Wucht. (Bild: Hanspeter Schiess)

Verspielte Formen nehmen der Fassade ihre einschüchternde Wucht. (Bild: Hanspeter Schiess)