Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Überhitzter Büchermarkt: US-Wunderwerk erleidet Bruchlandung

Ocean Vuongs Debütroman wird in der anglophonen Welt völlig zu Recht frenetisch gefeiert. Wenn das Werk auf Deutsch kein Erfolg wird, ist daran ein überhitzter Buchmarkt schuld, der sich keine Zeit mehr lässt.
Valeria Heintges
Ocean Vuong, 31-jähriger Amerikaner vietnamesischer Herkunft, hat ein brillantes Debüt geschrieben. (Bild: Celeste Solman/NYT/Redux/laif)

Ocean Vuong, 31-jähriger Amerikaner vietnamesischer Herkunft, hat ein brillantes Debüt geschrieben. (Bild: Celeste Solman/NYT/Redux/laif)

Von den ersten Sätzen an nimmt diese schwebende, dabei doch so klare Sprache den Leser gefangen. «Let me begin again, Ma.» Ein junger Mann schreibt einen Brief an seine Mutter. Die aber wird den Brief nie lesen. Sie kann nicht lesen. Nach einem Napalmangriff auf ihre Schule in Vietnam beschloss sie, nie wieder ein Schulhaus zu betreten.

Ocean Vuong bekam für sein erstes Werk, den Gedichtband «Night Sky with Exit Wounds» (etwa: Nachthimmel mit Austrittswunden, bisher nicht übersetzt), den renommierten T.-S.-Elliot-Preis. «On Earth we’re Briefly Gorgeous», «Auf Erden sind wir kurz grandios», ist der Debütroman des heute 31-Jährigen, der aber in keiner Zeile den Lyriker verleugnet, so bewusst, wie jedes Wort, jedes Motiv gesetzt ist. Im Gegenteil: Ganze Kapitel sind in so kurzen Absätzen geschrieben, dass sie auch rein typografisch Poesie ähneln.

Stark autobiografisch gefärbt

Vuong berichtet, stark autobiografisch, von seiner Mutter Rose, ihrem Kriegstrauma, ihrer Schizophrenie, ihrer Flucht nach Amerika, ihrem Fremdsein im neuen Land, ihrem prügelnden Ehemann, ihrem Kampf mit der neuen Sprache. Und von ihrer Unfähigkeit, der Gewaltspirale zu entkommen. «You’re a mother, Ma», schreibt der Sohn, den sie immer wieder geschlagen hat. «You’re also a monster.»

Er wächst in einem Frauenhaushalt auf, mit Mutter, Tante, Grossmutter. Sie alle sind traumatisiert, leben zwischen den Welten, Lan, die Grossmutter, überlebt nur knapp als Prostituierte, heiratet noch in Vietnam den amerikanischen Soldaten Paul, der in Amerika eine weitere Ehe eingeht, aber den Kontakt zu den Geflüchteten wieder aufnimmt. Die Grossmutter ist es, die dem Kind Geschichten erzählt und ihm die Welt der Sprache und der Fantasie als Ausflucht eröffnet. So oft schon hat man Migrantenschicksale gelesen – doch gelingt es Vuong, das Thema in neue Sphären zu heben.

Etwa wenn er das Leben der Menschen gegenschneidet mit dem Verhalten verschiedener Tiere. Etwa mit Monarchfaltern: Eine Generation fliegt Tausende Kilometer in den Süden, die folgende fliegt wieder zurück. Mit Buffalos, die in Massen über die Klippen in den Tod springen. Oder mit Kälbern, die sich in ihren engen Ställen nicht bewegen dürfen, um sich ihr feines Fleisch zu erhalten, und die die sich öffnende Stalltür mit Freiheit verbinden, nicht wissend, dass sie der Schlachter erwartet.

Mit selten gelesener Feinheit und Finesse behandelt Vuong seine Themen, seine Figuren. Eine Feinheit, die vor der harten Realität nicht zurückschreckt. Nicht vor den Schlägen der Mutter, nicht vor ihrer Verlorenheit, nicht vor den Schwierigkeiten des in der Fremde sich sprachlos herumschlagenden Jungen, nicht vor der in den USA grassierenden Opioid-Abhängigkeit mit 60 000 Toten jährlich. Nicht vor dem Unvermögen, sich in der eigenen Gefühlswelt zurechtzufinden. Sie treibt den Erzähler in eine widersprüchliche Beziehung mit Trevor, zwischen Liebe, Brutalität und Unterwerfung, zwischen Anerkennung und Selbsterkenntnis. Wer allein die Szenen liest, in denen Vuong von den Zärtlichkeiten, dem Sex unter Männern schreibt, so klar, so behutsam und gleichzeitig so schonungslos, erfährt viel vom Können dieses Autors, seinem Sprachreichtum, seiner Gedankenschärfe. Ein Buch, dessen Brillanz, dessen Selbstreflektiertheit einem den Atem raubt.

Vom Rhythmus des Originals bleibt wenig

Allein: Von alldem werden die Leser der deutschen Ausgabe wenig merken. Denn sie lesen nicht Ocean Vuong, sie lesen die Übersetzung von Anne-Kristin Mittag. Die ist so miserabel, dass man meinen könnte, der Verlag biete seinen Lesern eine erste Grobfassung an, vollständig unlektoriert. Gleich aus dem ersten Satz «Let me begin again», der die vorangegangenen vergeblichen Versuche einschliesst, wird ein falsches «Lass mich von vorn anfangen». Hunderte Beispiele liessen sich anbringen. Da wird ein «When it comes to words» allzu wörtlich übersetzt in «Wenn es zu Worten kommt». Da werden Leitmotive nicht erkannt, die sie anzeigenden Markerworte nicht gleich übersetzt, die so ihre Aufgabe verlieren. Da werden Doppeldeutigkeiten unnötigerweise ins Eindeutige gedreht, der Sinn verflacht; vom Rhythmus des Originals bleibt fast nichts übrig. Vuongs Sprache, schwebend, dicht, bildhaft, landet mit Totalschaden auf dem Boden. Selten wohl hat eine Übersetzerin ihrem Autor einen so schlechten Dienst erwiesen.

Und warum das alles? Warum gibt ein so renommierter Verlag wie Hanser einer jungen, bisher namenlosen Übersetzerin einen Auftrag, an dem auch erfahrenere Kollegen hätten scheitern können – und den sie vielleicht auch dankend abgelehnt haben. Erst Anfang Juni erschien das amerikanische Original bei Penguin New York. Weil der Buchhandel überhitzt ist, so schnell dreht, glauben alle, die deutsche Fassung müsse nur sechs Wochen später vorliegen. Übersetzern und Lektoren bleibt keine Zeit mehr, ihre Aufgabe gut zu erledigen. So nimmt sich die Branche die Chance auf einen Erfolg. Und verweigert dem Autor die Bedeutung, die er auch in anderen Ländern verdient hätte.

Ocean Vuong Auf Erden sind wir kurz grandios. Hanser-Verlag, übersetzt aus dem Amerikanischen von Anne-Kristin Mittag, 231 Seiten. Erscheint heute. Original: On Earth We’re Briefly Gorgeous, Penguin Press New York 2019, 244 Seiten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.