Überhitzt am Schmelzen

In der Lokremise gastiert noch heute und morgen das Zürcher Theater an der Winkelwiese mit dem Stück «Kaspar Häuser Meer» der erfolgreichen deutschen Autorin Felicia Zeller.

Brigitte Schmid-Gugler
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Von allem zu viel: Die drei Sozialarbeiterinnen am Rand des Zusammenbruchs. (Bild: Coralie Wenger)

Von allem zu viel: Die drei Sozialarbeiterinnen am Rand des Zusammenbruchs. (Bild: Coralie Wenger)

Wenn in diesen Tagen und Stunden immer wieder das Wort GAU unsere Wahrnehmung kreuzt, dann ist das hier der zwar weniger dramatische. Doch er führt uns drastisch und dramaturgisch vor Augen, was mit der «Kernschmelze» des Homo sapiens erectus geschieht, wenn die «Brennstäbe» überhitzt sind. Schon das erste Wort im Titel leitet gewissermassen den Störfall ein, der hier der Normalfall ist: «Kaspar Häuser Meer» weckt Assoziationen an jene legendäre Figur, die jahrelang in einem Loch vor sich hin vegetierte. Abgeleitet von dieser klaustrophobischen Vorstellung der hell erleuchtete White Cube im Theatersaal der Lokremise. Eng und fensterlos geht es gleichsam in den Köpfen der drei Sozialarbeiterinnen vor. In einem atemlosen siebzigminütigen Wortgewitter raspeln sie ihre konstante Überforderung herunter. Das darf man sich wie eine Partitur von John Cage vorstellen, in der Klangfarbe von (un-)wohltemperiert gesetzten Hämmern, Nägeln und Radiergummis. Oder wie einen Rap zu dritt. Noch besser als es sich vorzustellen ist, selber hinzugehen. Weil dann bekommt man hautnah mit, wie der verbale Hürdenlauf im Fluchtpunkt ohne Notausgang endet.

Das Dilemma des Helfens

Franziska Dick, Vivianne Mösli und Andrea Schmid geben die drei Mitarbeiterinnen des Sozialamtes Anika, Barbara und Silvia. Vor hohen Stapeln mit Akten entwickelt sich der Arbeitsalltag der drei Frauen zum Albtraum. Die Bewältigung von sich türmenden Dossiers gleicht dem Versuch des Sisyphus, den Felsbrocken den Hang hinaufzurollen. Auf einen erledigten «Sozialfall» folgen Hunderte unerledigte; Gutachten müssen erstellt, Familiendramen verfolgt, Kindsmissbrauch erkannt, Termine eingehalten, und nebenher muss das eigene Kind irgendwo deponiert werden. Schlimm auch, dass Björn fehlt, dessen Stapel wegen seines «B(j)örn outs» auch noch an die Kolleginnen delegiert wird. Beruflicher Ehrgeiz und Versäumnisse sind der Cocktail für den internen Kleinkrieg. Man fällt einander in den Rücken wie ins Wort. Mit Argwohn beobachten die Frauen sich gegenseitig, sticheln, misstrauen, nörgeln, klagen und beklagen sich. Schnell schlägt Kollegialität in Besserwisserei und Missgunst um.

Sinnloses Feuerlöschen

Regisseur Stephan Roppel, seit acht Jahren Leiter an der Winkelwiese, lässt diesem irrwitzigen Text allen Raum; setzt Tempo und Bildfolge rhythmisch wie ein Daumenkino, in dem das Trio mit weichen Kiefern und der kontrolliert militärischen Haltung, wie für den Appell, brilliert. Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Felicia Zeller hatte den Einakter als Auftragsarbeit für das Theater in Freiburg geschrieben. Das Theater an der Winkelwiese brachte das Stück im vergangenen Jahr als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne. «Kaspar Häuser Meer» zeigt mit den Stilmitteln der Groteske die ausweglose Situation einer an sich selber krankenden Gesellschaft. Unter jedem Trostpflaster wölbt sich die Eiterbeule, das «System» ist vergiftet, kontaminiert. Wie der Vorwurf der ewig schmutzigen Teetassen klebt die Ohnmacht an den ausgebrannten Menschen. Nicht ungern würde man die siebzig Minuten dauernde Endlosschlaufe gleich nochmals ganz von vorne… nur, wo ist vorne?

Heute Do und morgen Fr, Lokremise, 20 Uhr