ÜBERFLIEGER: Mark Forster über den Reinfall seines Lebens

Mit Songs wie «Wir sind gross» und «Chöre» hat sich Mark Forster zum Spezialisten für intelligente Gute-Laune-Ohrwürmer gemausert. Am 11. August wird der 33-Jährige am Stars in Town in Schaffhausen für Stimmung sorgen.

Reinhold Hönle
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Songschreiber Mark Forster ist auf dem besten Weg, die berühmteste Baseballmütze Deutschlands zu werden. (Bild: Frank Hoensch/Getty)

Songschreiber Mark Forster ist auf dem besten Weg, die berühmteste Baseballmütze Deutschlands zu werden. (Bild: Frank Hoensch/Getty)

Reinhold Hönle

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Welches war der grösste Reinfall, den Sie bisher erlebt haben?

Das ist schwierig zu beantworten. Mein Leben ist eine Kette von Reinfällen! (lacht) Der grösste Reinfall war vermutlich, als ich mit 13 bei einem wichtigen Fussballspiel meiner Jugendmannschaft eingewechselt wurde. Statt den Rückstand auszugleichen habe ich das zweite Gegentor verschuldet. Und zu allem Übel wurde mein Vater auch noch Zeuge dieser Blamage. Das war zwar nicht das sofortige Ende meiner «Fussballkarriere», aber von da an ging es nur noch bergab.

Was wissen Sie über den Rheinfall, den Sie am 11. August in der Nähe des Stars in Town in Schaffhausen erleben könnten?

Ah, jetzt verstehe ich das Wortspiel. (lacht) Das ist bestimmt der grösste Rheinfall meines Lebens!

Das Konzert wird auf einem von Altstadthäusern gesäumten Platz stattfinden. Welches war die spektakulärste Kulisse, vor der Sie schon aufgetreten sind?

Meinen ersten Auftritt hatte ich auf dem Couchtisch meiner Oma. Sie erzählt heute noch davon, wie ich ihre Schampusflasche als Mikrofonersatz verwendet habe. In den letzten Jahren hatte ich das Glück, auf vielen noch grossartigeren Bühnen auftreten zu dürfen. An Silvester habe ich am Brandenburger Tor in Berlin vor einer Million Menschen gespielt. Wobei es keinen sichtbaren Unterschied zu einem Konzert vor 50000 Leuten mehr gibt.

Was nehmen Sie auf der Bühne überhaupt von Ihrem Publikum wahr?

Jedes Menschenmeer hat seinen eigenen Charakter. Es gibt den schüchternen Typ, mit dem ich besonders einfühlsam umgehen muss, oder den Rabauken, der sogar mich mitreisst. Ist das nicht spannend?

Welche Eindrücke haben Sie in der Schweiz gesammelt?

Ich erinnere mich an ein Konzert mit meinem ersten Album an einem Festival in Luzern. Wir waren schon nachmittags an der Reihe und auf der Bühne nur zu dritt, weil ich mir noch nicht mehr Musiker leisten konnte. Das Publikum behandelte uns sehr nett, obwohl es kaum eine Ahnung hatte, wer wir waren und was wir da sollten. Damals haben wir auch in einem kleinen Laden in Zürich gespielt. Es kamen nur 50 Leute, aber es war trotzdem ein toller Abend.

Nie Durststrecken erlebt?

Natürlich gab es Auftritte, zu denen weniger Leute kamen als erhofft, aber die beste Story verdanken wir unserer Plattenfirma. Als sie uns mitteilte, dass wir mit dem Débutalbum am berühmten Open Air St. Gallen spielen können, freuten wir uns riesig. Am Ende waren aber Mikrofon und Gitarre im Pressezelt aufgestellt ... Und als wir loslegten, stürzten die Journalisten alle nach draussen, da die Foo Fighters gerade auf der Hauptbühne zu spielen begannen. Ich glaube, das war der erniedrigendste Augenblick meines Lebens.

Wie gross haben Sie sich gefühlt, als «Wir sind gross» fertig war?

Ich habe dieses Lied geschrieben, um das Gemeinschaftsgefühl zu feiern, das mich mit den Menschen verbindet, die mich als kleine Tour-Familie seit den Anfängen durch alle Hochs und Tiefs begleitet haben. Da ich den Eindruck hatte, dass es mir gelungen war, fühlte ich mich auf jeden Fall mindestens zwei Zentimeter grösser als vorher.

Wie ist daraus eine Fussball-EM-Hymne geworden?

Die Plattenfirma fand das Lied toll und hat es dem ZDF vorgeschlagen. Nachdem der Sender bei der WM-Berichterstattung 2014 bereits «Au Revoir» eingesetzt hatte, war ich überrascht, dass ich schon wieder zum Zug kam und in Frankreich sogar mit Experten wie Oli Kahn und Oli Welke über die Spiele diskutieren durfte.

Mit «Chöre» ist Ihnen schon wieder so ein Ohrwurm gelungen. Wie wurde er zum Titelsong von «Willkommen bei den Hartmanns»?

Simon Verhoeven, der den schlauen und unterhaltsamen Film über eine gutbürgerliche Münchner Familie, deren Leben ganz schön durcheinander gewirbelt wird, als sie einen Flüchtling aufnimmt, gemacht hat, fragte mich an, nachdem er mein Album gehört hatte.

Wie passt das Lied zur Handlung?

Es drückt ein Aufbruchs- und Versöhnungsgefühl aus. Ich habe den Text für einen Kumpel geschrieben, der sich immer schlecht fühlt und kleinmacht. Um ihn aufzumuntern, wollte ich für ihn grosse Bläser, konkrete Streicher und den besten Gospelchor der Welt. Also habe ich gegoogelt und kam so auf die Harlem Gospel Singers.

Und wie bekommt man die Harlem Gospel Singers als Mark Forster aus Kaiserslautern?

Ich habe Ihnen ein E-Mail geschrieben und ein paar Wochen später war ich in Manhattan in einem Studio, in dem sonst Jay-Z aufnimmt. Die Gospel Singers kamen aber mit der U-Bahn aus Harlem und wir durften drei oder vier Tage mit ihnen aufnehmen.

Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?

Wir waren sehr gut vorbereitet und händigten den Chor sofort die Noten aus, doch die Gospel Singers meinten: «Packt die Noten weg, die könnten wir eh gar nicht lesen. Erklärt uns lieber, worum es in dem Song geht, und sing uns die Melodie vor.» Alles andere haben sie aus dem Bauch heraus ergänzt. Ich habe daraus wahnsinnig viel gelernt.

Wofür steht der Titel «Tape»?

Ich bin noch nicht mit einem CD-Brenner oder MP3-Player aufgewachsen, sondern mit einem Kassettenrekorder. Ich hatte eine Anlage von Saba, mit der ich meine Lieblingssongs direkt aufnehmen konnte, wenn sie im Radio liefen. Ich wollte ein Album machen, das die Wärme und Vielseitigkeit meiner alten Radio­tapes besitzt.

Welche Beziehung haben Sie zu den Baseballmützen, die ein Markenzeichen von Ihnen sind?

Eine sehr innige! Ich trage eine Baseballmütze, weil meine Haare immer dünner und grauer werden. Ausserdem ist es praktisch, dass ich fürs Styling weniger Zeit aufwenden muss. Inzwischen hat mein Look einen Vorteil, den ich ursprünglich nicht auf dem Schirm hatte: Wenn ich Cap und Brille absetze und den Bart etwas kürze, kann ich so unerkannt durch die Strassen spazieren wie Cro, wenn er ohne Maske unterwegs ist. (lacht)

Zur Person

Mark Forster wurde am 11. Januar 1984 in Kaiserslautern als Sohn eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter geboren und zog als Pianist und Songwriter nach Berlin, wo er mit dem Komiker Kurt Krömer auftrat und 2012 sein Debütalbum «Karton» veröffentlichte. Der Durchbruch folgte 2013 mit der zweiten CD «Bauch und Kopf» und der Single «Au revoir». Mit dem aktuellen Album «Tape» und den ausgekoppelten Hits «Wir sind gross», «Chöre» und «Sowieso» avancierte er zu einem der beliebtesten Protagonisten der jüngeren deutschen Popmusik. CD: «Tape» (Sony Music) Live: • Fr, 11.8., 20.15 Uhr: Stars in Town Schaffhausen • Sa, 12.8.: Heitere Open Air Zofingen • Fr, 18.11.: Halle 622 Zürich markforster.de