Über einen Versuch, Faust zu retten

Regisseurin Johanna Wehner macht Goethes Drama mit ihrer Inszenierung für die Gegenwart fruchtbar. Faust erinnert darin an Giganten des multimedialen Zeitalters wie Steve Jobs, und Mephisto erscheint als Dreiergespann. Der «Faust I» ist auf der Konstanzer Bühne ein Ereignis – ein ambivalentes.

Brigitte Elsner-Heller
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In der Gegenwart verortet: Szene aus «Faust 1» am Theater Konstanz. (Bild: Ilja Mess)

In der Gegenwart verortet: Szene aus «Faust 1» am Theater Konstanz. (Bild: Ilja Mess)

KONSTANZ. «Von Zeit zu Zeit seh‘ ich den Alten gern / Und hüte mich, mit ihm zu brechen. / Es ist gar hübsch von einem grossen Herrn, / So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.» Fast ist man da versucht, Herrn Goethe die Gretchenfrage zu stellen, wie er es denn mit der Religion habe. Schliesslich gibt er seinem «Faust I» einen Prolog im Himmel mit, in dem «Der Herr» und «Mephistopheles» sich auf den Deal verständigen, der Teufel möge Faust ruhig versuchen. Ist das fair oder doch eher moralisch weniger bedenklich, weil menschlich?

Teuflische Dreieinigkeit

In ihrer Inszenierung auf der Konstanzer Bühne hat Johanna Wehner ein wenig an den Grundsatzfragen geschraubt. Angefangen damit, dass sie dem Teufel eine Dreieinigkeit zugesteht – was die herkömmliche christliche Lehre bekanntlich dem Göttlichen beimisst. Eine hübsche Idee, denn nun kann man Natalie Hünig, Andreas Haase und Peter Posniak als wunderbares Mephisto-Gespann erleben; was nicht wenig dazu beiträgt, das Stück von 1828 aufzubrechen und für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Denn vielfältig sind die Versuchungen – und auf die Grundbedingungen einer kanonisierten Religion zu pochen, ist ohnehin alles andere ungefährlich.

Sehr greifbar

Acht Personen bringt die Inszenierung auf die Bühne, die Elisabeth Vogetseder zu einer schiefen Ebene mit Verwerfungen aufgetürmt hat. Die Schauspieler treten als Chor auf, ihre Rollen werden erst ausdifferenziert, als sie gemeinsam vors Publikum treten. Sätze von Goethe fallen, bleiben auch abgebrochen stehen; das alles ist doch sehr greifbar, sehr nachvollziehbar. Antonio Vecchio, der für die Musik verantwortlich ist, hat dazu ebenso viel beigesteuert wie Miriam Draxl, die die Kostüme entworfen hat. Faust, endlich ist er da, hat sich als derjenige, der wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, aus der Menge gelöst. Ingo Biermann steht als ein Faust da, der an Giganten des multimedialen Zeitalters wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos erinnert. Im Auftreten smart, im Anspruch grenzenlos. Ingo Biermann hat die Gelegenheit, mit leichter Hand ins ernstere Fach zu wechseln, und die Rechnung, die Regisseurin Johanna Wehner aufgemacht hat, geht wunderbar auf. Die Puzzleteile, auch die aus dem aufgebrochenen Goethe-Text, ergeben ein schlüssiges Bild – Fausts Leben wird etwas lockerer, und das Ensemble zeigt viel Spielfreude.

Fasnacht als Kippmoment

Mit dem Auftritt von Margarethe vulgo Gretchen, änder sich die Färbung, da jetzt spätestens Moral angesagt ist. Johanna Link gibt das zarte Mädchen, das bei Goethe gerade einmal 14 Jahre zählt, zurückhaltend und geradezu klassisch anheimelnd. Kaum hat sie Faust ihre Kammer geöffnet, ist der allerdings schon wieder auf und davon.

An dieser Stelle kippt die Inszenierung, wird Fasnacht gefeiert, wenn Faust sich dem ausschweifenden Leben hingibt. Und während Gretchen das weisse Gewand der Unschuld mit dem schwarzen der Trauer wechselt, sind die Zuschauer dem fasnächtlichen Treiben in Überlänge ausgesetzt.

Leider wird auch nach der Pause die Intensität des starken Auftakts so nicht wieder erlangt. Ingo Biermann findet nicht wieder zur Ernsthaftigkeit zurück, die seiner Darstellung so gut getan hatte. Und dass Gretchen einmal gegen die Wand springt, entspricht auch nicht dem, was man sich unter dem Drama dieser jungen Frau vorgestellt hätte.

Kein Erbarmen

Mit dem Kindsmord und Gretchens Bitte an Faust, sie neben Mutter und Bruder zu bestatten, bekommt das Geschehen auf der Bühne noch einmal kurz Tiefe. Johanna Link kann zeigen, welches Entwicklungspotenzial sie als Schauspielerin hat. Faust zeigt sich mehr formal betroffen als wirklich erschüttert. Und der Himmel? Der hat auch kein Erbarmen. Während Goethe in der letzten Szene, der Kerkerszene, auf Mephistos «Sie ist gerichtet» das göttliche «Ist gerettet» folgen lässt, fehlt dieser Zusatz auf der Konstanzer Bühne, die eben eine von heute ist.

Ein Theaterabend, der so viel versprochen hatte und dann doch gescheitert ist. Auf hohem Niveau, zugegeben.

www.theaterkonstanz.de