Über die schmutzige Gesellschaft

Schnörkellos, leidenschaftlich und obszön – so schreibt Elizabeth Ellen über die Gesellschaft. In ihrem Buch «Die letzte Amerikanerin» überschreitet sie so auch die Grenze des guten Geschmacks. Aber das verhält sich mit der Wahrheit ja genauso.

Janine Meyer
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Elizabeth Ellen erzählt vom schmutzigen Rand der amerikanischen Gesellschaft. (Bild: fotolia)

Elizabeth Ellen erzählt vom schmutzigen Rand der amerikanischen Gesellschaft. (Bild: fotolia)

«Das Wohnzimmer sah aus, wie es um drei Uhr morgens immer aussieht: Bierdosen, Aschenbecher und Körper lagen herum.» Sie sind meist beklemmend, oft direkt und heftig, manchmal roh und brutal, und immer sind sie ein bisschen wahr – die Erzählungen von Elizabeth Ellen. Der Band «Die letzte Amerikanerin» versammelt Geschichten von den schmutzigen Rändern der Gesellschaft und zerrt eine Realität ins Blickfeld, die nur allzu oft ausgeblendet wird.

Über Sex und Drogen

Ellen schreibt über das, «was es gibt.» Über die junge Erin etwa. Die Protagonistin der ersten drei Geschichten erlebt, was es heisst, wenn die Aufklärung aus dem Playboy kommt, wenn die Mutter nur dann Zeit hat, wenn sie nicht gerade mit einem Mann schläft oder bei «ihren Drogenfreunden Marihuana und Crystal Meth raucht». Mädchen wie Erin gibt es auch hierzulande, vielleicht heissen sie Laura oder Lena, aber die Geschichten ähneln sich. Auch hierzulande ist der Drogen- und Alkoholkonsum ein Thema, auch bei Kindern und Jugendlichen. In einer Befragung von 2010 etwa gaben 1,4 Prozent der 15-Jährigen an, täglich Alkohol zu trinken, bei rund 7 Prozent müsse von einem regelmässigen Cannabiskonsum ausgegangen werden, und 1,7 Prozent der Jungen sowie 1,2 Prozent der Mädchen dieser Altersgruppe hatten mindestens einmal Kontakt mit Amphetaminen. Gemäss der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen gibt es ausserdem deutliche Hinweise auf einen zunehmenden Konsum von Metamphetamin wie Crystal Meth. Die Substanz ist hoch potent und hat ein grosses Abhängigkeitspotenzial. Ellen ist davon überzeugt, dass Menschen «Gewaltinstinkte haben, sowie sie einen Jagdtrieb oder Mutterinstinkt haben». Sie lässt ihre Charaktere denn auch täglich Gewalt erfahren. Meist ist es die Gewalt gegen Frauen. In «Ein gutes Gefühl» etwa gegen die hochschwangere 16-Jährige ohne Namen: «Blaue Augen waren Teil der Folklore, genauso wie Pulsadern aufschlitzen oder nichts mehr essen.» Auch diese Geschichte könnte hierzulande spielen, nicht umsonst sind die Frauenhäuser in der Schweiz so überfüllt, dass sie seit Jahren jede zweite Frau weiterverweisen müssen. Auch sterben in der Schweiz dreimal mehr Personen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, gemäss einem Ranking ist die Sterberate in der Schweiz deutlich höher als in den USA.

Über den Umgang mit Wahrheit

Ellen erzählt schnörkellos, leidenschaftlich und obszön. Das überschreitet zwar manchmal die Grenzen des guten Geschmacks und tut auch ganz schön weh. Aber so ist das nun mal mit der Wahrheit: Man kann sie seinem Gegenüber wie einen bequemen Mantel hinhalten – oder man schlägt sie dem Gegenüber wie einen nassen Waschlappen um die Ohren. Ellen hat sich für letzteres entschieden.

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin – 12 Storys». 2014, 240. S., Fr. 19.90.