«Über das Bier müssen wir noch reden»

Philosophie und Film fanden am Mittwoch im Kinok erneut zusammen. Der Philosoph Martin Booms diskutierte anhand von «The Straight Story» über nichts weniger als die Entgrenzung von Raum und Zeit – doch ohne dabei die Unterhaltung zu vergessen.

Roger Berhalter
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Zeit zum Nachdenken: Alvin Straight (Richard Farnsworth) reist per Rasenmäher, also langsam. (Bild: pd)

Zeit zum Nachdenken: Alvin Straight (Richard Farnsworth) reist per Rasenmäher, also langsam. (Bild: pd)

Mitten im Film plötzlich ein Brummen, das Bild stockt, wird schliesslich schwarz – ein technisches Problem unterbricht die Vorführung von «The Straight Story». Das passt zu diesem Film, der eine Ode an die Langsamkeit ist und der an diesem Mittwochabend im Kinok auf dem Programm steht. Martin Booms springt von seinem Sitz in der ersten Reihe auf. «Nutzen wir diese Pause zum Nachdenken», sagt der Philosoph der Bonner Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur. Während die Technik wieder in Schwung gebracht wird, erzählt Booms, wie der Regisseur David Lynch zu «The Straight Story» kam und die wahre Geschichte bis ins Detail historisch korrekt inszenierte.

Filme, die fordern

Der Film ist nicht neu, sondern von 1999. Doch um Aktualität geht es in der Reihe «Philosophie im Kino» nicht. Vielmehr möchte Martin Booms «eine Brücke zwischen anregender filmischer Unterhaltung und anspruchsvoller ethischer Reflexion» schlagen. Er tut dies im Kinok schon zum zwölften Mal, aber auch in mehreren deutschen Städten und in Wien. Bis jetzt haben insgesamt mehr als 3500 Teilnehmer an 34 Veranstaltungen teilgenommen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass das intellektuelle Niveau der Diskussion hoch ist und die Filme das Publikum fordern. Doch Martin Boos vermag die Abende mit seiner ruhigen, eindringlichen Art unterhaltsam zu gestalten. Er spricht frei und in druckreifen Sätzen und lässt sich auch durch eine ungeplante Filmpause nicht aus der Ruhe bringen.

Dann läuft die Technik wieder, und die «Straight Story» geht weiter: Die wahre Geschichte des Amerikaners Alvin Straight, der sich im hohen Alter entschliesst, mit seinem Rasenmäher quer durch zwei Bundesstaaten zu fahren, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen.

Die Frau mit dem Hirsch

«Was für einen Film haben wir hier eigentlich gesehen?», fragt Martin Booms nach dem Abspann. Und schon ist man mittendrin in einer philosophischen Diskussion um die Würde des Alters, die Verflüchtigung der Welt, die moderne Entgrenzung von Raum und Zeit. Es ist wie in einer Vorlesung voller motivierter Studenten. Booms moderiert die Diskussion gekonnt, nimmt Gedankengänge auf, kennt nicht nur seine Philosophen, sondern auch den Film sehr genau. «Ich habe eine Menge Fragen, die ich mit Ihnen diskutieren möchte.» Ist «The Straight Story» ein lebensbejahender Film? Oder vielmehr ein Abgesang auf eine wortwörtlich überholte Welt? Und wofür steht die Frau, die im Film einen Hirsch überfährt?

Nicht alles lässt sich an diesem Abend klären. Doch «über das Bier müssen wir unbedingt noch reden», sagt Booms, in Anspielung auf die Szene, in der Alvin Straight in einer Bar nach Jahren erstmals wieder ein Bier bestellt. «Warum tut er das?», fragt Booms. «Weil er seine Geschichte hinter sich hat», antwortet eine Zuschauerin. «Interessant!», kommentiert der Philosoph – und setzt die Diskussion «getränkeunterstützt» draussen an der Bar fort.

Der nächste Philosophie-Abend im Kinok folgt im Herbst.

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