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«Üben ist feige»

Keine Angst vor Cellolitis: Das Duo Calva improvisiert in der Kellerbühne St. Gallen die Ein-Minuten-Zauberflöte und andere kabarettistische Geniestreiche für zwei Celli und zwei lustige E-Musikanten.
Bettina Kugler
Zwei Seelen vereint: Das Duo Calva verbindet musikalisches mit kabarettistischem Können – und zeigt: E-Musik kann schlicht erheitern. (Bild: Coralie Wenger)

Zwei Seelen vereint: Das Duo Calva verbindet musikalisches mit kabarettistischem Können – und zeigt: E-Musik kann schlicht erheitern. (Bild: Coralie Wenger)

Alles ist drin in etwas mehr als sechzig Sekunden: Höllenrache, Liebessehnen und Papagenos kunterbunte Lebenslust. Grosse Oper im Schnelldurchlauf, acht Saiten sind genug; die schelmisch-frechen, klangtrunkenen Gesichter sagen mehr als eine ausführliche Inhaltsangabe im Programmheft. Wer braucht da noch ein russisches Gastspielensemble, das nach Wangen an der Aare Mozarts «Zauberflöte» bringen soll, derweil aber irgendwo unterwegs im Strassengraben liegt? In der Kellerbühne (den «heil'gen Hallen von St.

Gallen») jedenfalls niemand, und das nicht nur, weil die Damen und Herren, die da sämtliche Plätze besetzen, längst als André-Rieu-Publikum verunglimpft worden sind. Was der lachlustigen Stimmung nichts anhaben kann, im Gegenteil.

Die Rampensau geht um

Alain und Dani, die beiden Hinterbänkler aus dem Orchestergraben, kurzfristig als Aushilfscellisten angeheuert und nun wie bestellt und nicht abgeholt auf ihren samtrot bezogenen Stühlen hockend, wissen die

Gunst der Stunde zu nutzen – erst so verlegen, wie es sich für verkannte Genies ohne Festanstellung gehört, dann immer tollkühner: Haben sie gerade noch scheu ins Scheinwerferlicht der Opernwelt geblinzelt, geht bald die Rampensau mit ihnen durch. Und dabei lassen sie tief in die ebenso eitle wie empfindsame Künstlerseele blicken. Klischees sind schön, denn etwas Wahres ist doch immer dran!

Brotlos genial

Weil Alain Schudel und Daniel Schaerer die musikalischen Ersatzmänner nicht spielen, sondern im wirklichen Leben sind, können sie selbstironisch zu ihren Marotten stehen; was ihre kabarettistische Spurensuche am Bodensatz der Künstlerexistenz beflügelt, ist echte, ansteckende Liebe zur Musik. Die Cellolitis eben. Die E-Musiker, die Schudel und Schaerer von Haus aus sind, lassen sie als begnadete Kabarettdilettanten nicht auf sich sitzen; dafür liegt ihnen das Blödeln einfach zu sehr im Blut.

Auf Umwegen sind sie Comedians geworden; es hat sich so ergeben aus unterhaltsamen Musikprogrammen des Cello-Duos. Noch eine gewiefte Dramaturgie dazu von Charles Lewinsky, eine Inszenierung (Dominique Müller), die tut, als gäbe es sie nicht – fertig ist der hochprozentige Schluck aus dem Opernglas. So quietschvergnügt ist man danach, dass selbst ein «Wozzeck» anschliessend der Sektlaune keinen Abbruch tun könnte.

«Heute Abend: Zauberflöte» steht also für die beiden Reservisten auf dem Programm, und als eingespieltes «Duo Calva» (sonst bei Globus in der Damenwäscheabteilung oder bei Abdankungen mit Rossini, halbes Tempo, zugange) nehmen sie ihr Engagement mit dem branchenüblichen Enthusiasmus wahr.

Auch wenn für einen, Dani, Mozart «modernes Zeug» ist, für den anderen, Alain, zu wenig «vibrations» drin sind: Letztendlich lassen sie es gehörig krachen, nach einem Schweinsgalopp durchs Tal ihrer vermeintlich eingeschränkten Möglichkeiten.

Besser am letzten Pult als nichts in der Agenda; von 5000 Franken Gage lässt man sich selbstredend auch geringfügig herunterhandeln. Dafür überbrücken sie notfalls auch die Wartezeit auf die Russen mit ihrem pragmatisch eingeschränkten Repertoire, alles für die historisch rare Besetzung mit zwei Celli eingerichtet. Man arrangiert sich so mit seinem Leben als brotloser, wenn auch nicht illusionsloser Künstler.

Tell trifft Bonanza

Und landet irgendwann tatsächlich bei der «Zauberflöte», mit breitem Grinsen und gespielter Andacht: Denn in Sarastros heilgen Hallen, wie sie vom Duo Calva heraufbeschworen werden, lauern hinter der nächstbesten Säule gewiss schon irgendwelche Gospel-Heilige auf den fidelen Einzug. Ein Langweiler, wer dafür brav zu Hause übt.

Mit diebischem Vergnügen ziehen Schaerer und Schudel die Bonbons aus dem Bauchladen der Klassik, jubeln uns hier ein paar Takte Beethoven, dort den Schwan aus Saint-Saëns' «Karneval der Tiere» unter; Wilhelm Tell galoppiert unversehens in den Bonanza-Vorspann, ein hocherotisches Medley verkuppelt Carmen mit Drafi Deutscher, was, absehbar und trotzdem eine gnadenlose Attacke auf die Lachmuskeln, in Mendelssohns Hochzeitsmarsch mündet. Hat irgendjemand mal behauptet, Musik sei eine ernste Angelegenheit?

Weitere Vorstellungen: Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne St. Gallen, jeweils 20 Uhr. Karten: 071 228 16 66 oder www.kellerbuehne.ch

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