Udos kraftvolle Zeitkritik

In Zürich stellt Udo Jürgens sein 53. Album «Mitten im Leben» vor. Und ist auch mit 79 Jahren noch weit davon entfernt, nostalgische Stimmung zu verbreiten.

Rolf App
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Kurz nach dem achtzigsten Geburtstag Ende September wird er mit «Mitten im Leben» auf Tournée gehen. Wird, in dichter Folge, Hallen füllen und Stadien. In Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Berlin, Salzburg, Graz, Wien und vielen anderen Städten. Wird drei Stunden auf der Bühne stehen, wird der Erste und der Letzte sein. Und, er schwört es, jeden Ton live singen. «Alles andere wäre Betrug.» Bis er dann, am 7. Dezember, in Zürich ankommt, «meiner Heimatstadt.» Wo er gestern, im «Mascotte», die CD zu dieser Tournée vorgestellt hat – es ist sein 53. Album.

In ihren Augen flimmern Kurse

Ja, dieser Udo Jürgens, seit 2007 schweizerisch-österreichischer Doppelbürger, ist schon ein Ausnahmekünstler. Und zwar nicht nur punkto Karriereausdauer und Tournéezähigkeit. Sondern auch mit seinen Texten. «In ihren Augen flimmern Kurse und Renditen sind ihr Kapital», setzt das Lied «Die riesengrosse Gier» ein. Und weiter: «Mit Reis und Mais zu pokern, ist in diesen Kreisen täglich Brot. Die Menschen hungern und die Börse hungert nach dem Höchstgebot.»

Der Mann als Problem

Das ist Kapitalismuskritik in Reinkultur, wuchtig untermalt vom Orchester, Bertolt Brecht könnte es nicht besser formulieren. Doch Kritik trifft auch uns, die Männer. Denn: «Wer hält sich für den Grössten, seit sich die Erde dreht,/ Wer spaltet die Atome, bis der ganze Laden untergeht? Es ist der Mann – Ja, ja, der Mann.» Der Mann, er ist das Problem. «Doch die Frauen lieben ihn – trotzdem.» Auf der Herfahrt hat er gehört, dass dieser Song in Deutschland schon auf Platz 1 gelandet ist. Es freut ihn.

So kommt Udo Jürgens in einer fliessenden Bewegung vom Harten zum Weichen, von der Zeitkritik zur Poesie, von der unnachsichtigen Analyse zur zarten Naturlyrik. Was ihm so leicht keiner nachmacht. Ihm, der zwar keine Bäume mehr ausreissen, aber doch immerhin welche pflanzen will. Ein Komponist, Pianist und Sänger mit scheinbar unerschöpflicher Kreativität und Produktivität. Über 700 Kompositionen, weit mehr als 100 Millionen verkaufte Platten. Geschätztes Vermögen: 130 Millionen Euro. Und dennoch: unermüdlich unterwegs.

Udo Jürgens im Gespräch

Woher das rührt? Fragen wir ihn selbst, ein kurzes Interview ist uns zugestanden. «Ich weiss es auch nicht, woher meine Kreativität kommt», sagt er nach einer höflichen Begrüssung. «Manchmal kommt mir eine Melodie in den Sinn, aber ich habe noch keinen Text. Manchmal ist es eine Szene.» Beim nächtlichen Spaziergang sieht er in einem hellerleuchteten Fenster einen Vogel in seinem Käfig – es ist die Idee zu einem Lied.

Doch was immer Udo Jürgens komponiert, es muss mit ihm zu tun haben. Und weil er ein sehr interessierter Zeitgenosse ist, muss Gesellschafts- und Zeitkritik auch sein. «Mir hat es nie genügt, nur davon zu singen, dass das Leben schön ist und nur schön.» Auch die Schweiz, seine Heimat, lässt ihn nicht kalt. Ein Kommentar über die Abstimmung zur Zuwanderungs-Initiative hat gehörig Staub aufgewirbelt: Er schäme sich für die Schweiz, hat Udo Jürgens gesagt. «Ich war enttäuscht», sagt er, der sich als «Patriot Europas» bezeichnet. «Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr willkommen.»

Udo Jürgens: Mitten im Leben, Sony

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