Buchtipps Fotografie: Verwunschene Nachtbilder und ein bröckelndes Italien

Giorgio Wolfensbergers Fotografien zeigen das Kuriose im Alltäglichen. Dominic Büttner Aufnahmen bringen Licht in die Dunkelheit.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Giorgio Wolfensberger hatte ein Auge für die zufälligen Kompositionen des Alltags. (Bild: Giorgio Wolfensberger)

Giorgio Wolfensberger hatte ein Auge für die zufälligen Kompositionen des Alltags. (Bild: Giorgio Wolfensberger)

Giorgio Wolfensberger hatte ein Auge für das Kuriose im Alltäg­lichen. Für die Schönheit der «Welt in Gebrauch», wie es Urs Stahel, der ehemalige Direktor des Fotomuseums Winterthur, im Begleittext zum Fotoband «Foto Povera» formuliert. Die Publikation vereint zum ersten Mal die freien, künstlerischen Arbeiten des ausgebildeten Industriefotografen, der auch als Filmschaffender und Ausstellungsmacher tätig war.

Vor drei Jahren ist Wolfensberger in seiner Wahlheimat Umbrien gestorben, wo er von 1973 bis 2007 gelebt und gearbeitet hat. Seine Fotografien zeigen keine Postkartenansichten, sondern ein Italien des Zerfalls, wo die Farbe abblättert und der Rost nagt. Orte mit Patina interessieren den Fotografen, wo sich an einer Fassade die Graffiti überlagern und zu einem zufälligen Kunstwerk zusammen­fügen. Über allem wacht die ­Madonna, die sich an all den ­Unzulänglichkeiten und der ­ewigen Improvisiererei des italienischen Alltags nicht zu stören scheint und sich stoisch einfügt in jede noch so verwahrloste ­Umgebung.

Giorgio Wolfensberger: Foto Povera, Edition Patrick Frey, 240 S., Fr. 58.–






Windschiefer Schopf, Gais 2013. (Bild: Dominic Büttner)

Windschiefer Schopf, Gais 2013. (Bild: Dominic Büttner)

Tiefe, stockdunkle Nacht ist die Voraussetzung für Dominic Büttners «Dreamscapes». Seit 15 Jahren arbeitet der Zürcher Fotograf an dieser Werkserie. Er stellt seine Fachkamera auf ein Stativ und läuft mit einer Leuchte von der Kamera weg in die Finsternis. Die Geschwindigkeit der Schritte ­definiert die Helligkeit der Aufnahme, durch die Bewegung der Leuchte entstehen Bilder ohne Schlagschatten. Wegen der Langzeitbelichtung wird der Fotograf nicht im Bild festgehalten, einzig die Spuren seiner Schritte sind als geheimnisvolle Schatten sichtbar.

Dominic Büttner entreisst Orte für kurze Zeit dem Dunkel der Nacht und macht sichtbar, was unseren Augen sonst verborgen bliebe. Der kurze Moment im Scheinwerferlicht verleiht den Orten etwas Theatralisches. Manche wirken in ihrer Verlassenheit gespenstisch wie die Häuserruinen eines italienischen Dorfes. Verwunschen muten ­hingegen die beiden einsamen Schwäne im längst geschlossenen Vergnügungspark von Berlin-Treptow an.

Dominic Büttner: Dreamscapes, Scheidegger & Spiess, 144 S., Fr. 65.–