TYPOGRAFIE: «Eine Schrift ist nie neutral»

Schrift begegnet uns täglich, im Internet oder in der Zeitung. Jede Schrift transportiert Information ­anders. In Feldkirch und St. Gallen widmen sich parallel zwei Veranstaltungen der Typografie.

Philipp Bürkler
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Typograph Jost Hochuli, Maya Kleber von der Potentiale Feldkirch sowie Gestalter Roland Stieger. (Bild: Sabrina Stübi)

Typograph Jost Hochuli, Maya Kleber von der Potentiale Feldkirch sowie Gestalter Roland Stieger. (Bild: Sabrina Stübi)

Philipp Bürkler

philipp.buerkler@tagblatt.ch

Als Leserin oder Leser dieser Zeitung beschäftigen Sie sich, wenn auch umbewusst, in diesem Augenblick mit Typografie. Dieser Artikel, so wie fast alle Texte ­dieser Zeitung, werden mit dem Schrifttyp Lyon dargestellt. Neben Lyon gibt es mehrere hunderttausend weitere Schriftarten. Die wohl populärsten sind Arial, Times, Helvetica oder Verdana. Typografie, also die Gestaltung von Schrift, begegnet uns überall. In der Zeitung, auf Plakaten im öffentlichen Raum, in Büchern und im Internet.

«Eine Schrift vermittelt nicht nur den Inhalt, also die Information, sondern immer auch eine Stimmung», erklärt der St. Galler Typograf Jost Hochuli. Je nach Schrifttyp komme eine Information beim Leser völlig anders an. «Eine Schrift ist nie neutral.» Fachleute sprechen vom Anmutungswert, der Wechselwirkung zwischen Information und Darstellung. Der 83-jährige Schriftgestalter befasst sich seit den 1950er-Jahren mit Design und Schriftarten, vor einigen Jahren hat er den Schrifttyp Allegra entworfen. Im Gegensatz zur Zeitungsschrift Lyon ist Allegra schlicht, kantig und serifenlos, also ohne Endstriche, die sogenannten«Füsschen». Das Spezielle: Allegra neigt um ein Grad nach rechts. Eine Neigung, die ein ungeübtes Auge praktisch nicht bemerkt. «Wenn Sie Allegra allerdings seitenverkehrt betrachten, bemerken Sie sofort eine starke Neigung nach links.»

Die kaum wahrnehmbare Rechtsneigung verleihe der Schrift etwas Menschliches, sagt Hochulis Kollege Roland Stieger, ebenfalls Schriftdesigner in St. Gallen. Auch Menschen neigten zu einem minimalen Rechtsdrall. «Versuchen Sie auf einer Wandtafel eine gerade Linie von oben nach unten zu ziehen und Sie werden immer eine leichte Rechtsneigung feststellen.» Das mache Hochulis Allegra einzigartig, erklärt Stieger.

Schriftdesign ist 2000 Jahre alt

Stieger und Hochuli sind Hauptprotagonisten der beiden Typografie-Events vom Wochenende. In St. Gallen trifft sich die Fachwelt zur Tÿpo, einer Konferenz zur Schriftgestaltung. Parallel findet in Feldkirch die Potentiale statt, ein Festival über Stadtraumgestaltung, Design, Fotografie und Medienkunst.

Typografie im Internetzeitalter

Das Grunddesign unseres Alphabets datiert zurück auf das Römische Reich vor 2000 Jahren. «Die Proportionen und Formen der Capitalis Monumentalis gelten bis heute, man ist immer wider darauf zurückgekommen», sagt Roland Stieger.

Seit dem kommerziellen Durchbruch des Computers und des Internets stellen sich neue Fragen der Darstellung auf dem Bildschirm. Stieger wundert sich darum, dass Typografie-Themen nicht einen grösseren Stellenwert haben. «Medien, Verwaltungen und Firmen legen oft keinen grossen Wert auf die Gestaltung ihrer Schriften und Informationen. Durch den Computer seien wir heute jedoch alle täglich mit typografischen Aspekten konfrontiert. «Heute sind wir alle Typografen, das ist faszinierend.»

Tÿpo St. Gallen: 10.–12.11., Gewerbliches Berufs- und Weiterbildungszentrum; typo-stgallen.ch

Potentiale: Bis 12.11., Pulverturm Feldkirch; potentiale.at